HNA-Interview

Leiterin Karin Stengel: documenta-Archiv braucht einen Quantensprung

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Karin Stengel

Karin Stengel, seit 1993 Leiterin des documenta Archivs, wird am Dienstag in die passive Phase der Altersteilzeit verabschiedet - Anlass zum Gespräch.

Das documenta Archiv steht vor einschneidenden Entscheidungen - schon, weil es aus allen Nähten platzt. Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Karin Stengel: Dass die Diskussionen, die sich um das documenta-Archiv oder ein documenta-Zentrum konzentrieren, tatsächlich zu einer Entscheidung führen und dass es ein neues Gebäude gibt.

Leidet das documenta Archiv nicht an einem in seiner Entstehung begründeten Konstruktionsfehler? Es ist eine rein städtische Einrichtung ...

Stengel: Genau.

... während bei der documenta GmbH das Land mit im Boot sitzt.

Stengel: Die Idee zu einem documenta-Institut, wie es Arnold Bode nannte, ist 1961 entstanden. Bode hatte Werner Haftmann als zukünftigen Leiter im Kopf, mit dem er die ersten documenta-Ausstellungen gemacht hatte. Die Stadt Kassel hat gegen den überbordenden Bode im Grunde an ihm vorbei stattdessen Lucy von Weiher eingestellt. Bode hat von vornherein gegen sie gearbeitet. Er wollte ihr sogar den Begriff documenta Archiv verbieten. Das war ein unglücklicher Anfang.

In der Konsequenz bedeutet das heute: Falls Ihr Nachfolger und Annette Kulenkampff, die Nachfolgerin von Bernd Leifeld, sich nicht verstehen, würde das Archiv im schlimmsten Fall ohne Archivalien dastehen.

Stengel: Es gibt jedenfalls keine Verpflichtung und keine juristische Abklärung. Aber es gibt einen gewissen Zugzwang, weil die documenta-Materialien, die in Kisten aufbewahrt werden, verwaltet werden müssen. Herr Leifeld war natürlich immer dankbar, wenn Anfragen wenn Anfragen von außen und zwischen den documenta-Ausstellungen - und die kommen ja - von uns beantwortet werden. In gewisser Weise machen wir ja auch Werbung für die documenta. Aber es gab tatsächlich kurzzeitig einen Geschäftsführer, mit dem ich mich nicht so gut verstanden habe. Das ist dann ungünstig.

Eine Lösung könnte sein, dass das Archiv unter das Dach der GmbH schlüpft.

Stengel: Das wäre eine sinnvolle Lösung, einfach weil wir uns ergänzen. Aber es gibt auch andere Konstrukte. Das Literaturarchiv in Marbach wird von Bund, Land und Kommune finanziert. Man müsste eine neue Trägerschaft jedenfalls jetzt forcieren.

Haben die documenta-Leiter und ihre Mitarbeiter Verständnis für die Belange des Archivs?

Stengel: Jeder neue documenta-Leiter ist zuerst ins Archiv gekommen und hat geschaut, was die Vorgänger gemacht haben. Er ist ja auch im Zugzwang, etwas anderes zu machen. Da war immer zu spüren, dass alle das Archiv schätzen und nutzen. Okwui Enwezor zum Beispiel hat sich sofort auf die documenta 5 bezogen, Carolyn Christov-Bakargiev war unheimlich am Aspekt der Vermittlung interessiert.

Wir sprechen immer mit den technischen Leitern darüber, wie sie die Akten aufbauen sollten. Am Anfang versuchen sie das. In der Hektik des Alltags lässt sich das nicht immer nach archivalischen Gesichtspunkten berücksichtigen. Das kann man auch verstehen, dass man in der Aufbauphase nicht archivalisch denken kann.

Jede Zeit hat neue Herausforderungen: Sie haben viele technische Veränderungen erlebt. Wie lassen sich die Blackberry-Nachrichten und Notizen von CCB sichern?

Stengel: Das ist wirklich ein grundlegendes Problem in der ganzen Archivwelt. Die Archivierung von digitalem Material unterliegt ganz genauen, auch juristischen Normen. Da gibt es in den Archivschulen Unterrichtseinheiten. Auch wir müssen uns erst orientieren. Unsere Lösung bisher ist, dennoch auszudrucken. Auch weil es noch keine Garantie dafür gibt, wie digitale Daten langfristig gesichert werden können. Bei Papier weiß man immer noch, dass es auf Dauer vorhanden ist.

Natürlich wird CCB mir von ihrem Blackberry auch nicht alles geben, weil sich da ja auch Privates mit ihrem Auftrag mischt. Auch im veröffentlichten E-Mail-Verkehr im Katalog sind ja Lücken. Jan Hoet übrigens hat nach der documenta 9 alle Akten mit nach Gent genommen. Ich habe ihn dann mit dem Argument überredet, dass seine Akten nicht der Forschung zur Verfügung stehen, und sie zurückgeholt.

Welches war für Sie persönlich die schönste documenta?

Stengel: Die 13. Weil ich dort als Companion tätig war. Das Lernen der Generationen - ich zähle ja jetzt schon zu den Älteren - war wirklich etwas Besonderes. Ich konnte etwas lernen, aber auch selbst etwas geben und einbringen: meine archivarischen Erfahrungen und auch meine Begegnungen mit Christov-Bakargiev.

Was war überhaupt Ihr schönstes Erlebnis? Der Auftritt von Laurie Anderson beim Jubiläum des Archivs?

Stengel: Nein, das war die Begegnung mit Harald Szeemann, dem Leiter der documenta 5. Als ich ihn durch die Ausstellung „Wiedervorlage d5“ führte, sagte er: Die Ausstellung ist richtig gut. Er hatte eine Art, einen gleichberechtigt zu behandeln. Künstler sind oft unnahbar. Bei ihm war es ein Austausch. Laurie Anderson war auch toll, aber ich glaube, sie muss sich auch als Künstlerin schützen. Sie war sehr konzentriert und zurückhaltend.

War das umgekehrt die größte Enttäuschung: Dass das Szeemann-Archiv in die USA gegangen ist?

Stengel: Das war wirklich der bitterste Moment. Ich glaube wirklich, dass da eine historische Chance vertan wurde. Da sind Schätze mit allen Rechten beim Getty-Institut, die wir verloren haben. Seine Witwe macht jetzt zur Art Cologne eine Ausstellung in Köln: „Harry Szeemanns Spuren“. Das Archiv wird jetzt wirklich ausgeschöpft. Aber wir können jetzt den guten Kontakt und die Arbeitsbeziehung nach Los Angeles pflegen und ausbauen. Das relativiert dann auch die Enttäuschung.

Was braucht das documenta-Archiv?

Stengel: Einen Quantensprung, damit die räumliche und die Personalsituation besser werden. Wir haben in einzelnen Ausstellungen sporadisch beweisen können, wie es gehen kann: mit Ausstellungen, Tagungen, Forschung. Dafür gibt es eine gute Struktur und eine Basis. Die Themen liegen auf der Hand, und die Materialien sind da.

Zur Person

Karin Stengel (61, geboren in Heidenheim an der Brenz, verheiratet) studierte Bibliothekswissenschaften in Stuttgart und Kunstgeschichte und Philosophie in Kassel. Seit 1993 leitete sie das documenta Archiv. Wichtige Projekte: „Wiedervorlage d5“, „50 Jahre documenta - Archive in Motion“, DFG-Projekt „Mediencluster documenta und Gegenwartskunst“, „mediaartbase.de“ (Digitalisierung von Archivmaterial).

Von Mark-Christian von Busse

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