Was Selfies mit Religion zu tun haben

Leonard Bernsteins "Candide" knallbunt und intelligent im Kasseler Opernhaus

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Auf einer Reise: Die Helden in "Candide".

Mit viel Applaus bedacht wurde die Premiere von "Candide" in der Inszenierung von Philipp Rosendahl und musikalisch geleitet von Alexander Hannemann. 

Der geheimnisvollste Schatz der Mythenwelt findet sich in einer Aldi-Tüte. Doch der Reichtum aus dem sagenumwobenen El Dorado ist bald aufgezehrt, überall müssen Kriegstreiber, Menschenhändler und Honoratioren bezahlt werden. Das Helden-Trüppchen auf der Bühne schlägt sich von Station zu Station irgendwie durch, findet überall ein kleines Glück, in Sklaverei, Krieg, Religionsdiktatur, Vergewaltigung und Willkürherrschaft.

Die Welt ist irrwitzig grausam – aber, ach, irgendwas Gutes wird schon dran sein. Der französische Philosoph Voltaire führt in seiner 1759 erschienenen Satire „Candide“ vor, wie sich die Menschen in Elend und Ungerechtigkeit der Welt einnisten. Warum? Weil sie die Fähigkeit haben, sich alles schönzureden – mit den betäubenden Regeln der Religion und Philosophie, mit Unterordnung unter Autoritäten oder einfach mit der Bequemlichkeit derjenigen, die keine Lust haben, ins Nachdenken einzusteigen. Leonard Bernstein hat aus dem Stoff ein buntes, böses Bühnenstück gemacht – „Candide“ wurde am Samstag im ausverkauften Kasseler Opernhaus gefeiert.

Alexander Hannemann spannt vom Dirigentenpult aus mit nur 14 Musikern einen weiten musikalischen Bogen. Schon die Ouvertüre beleuchtet mit zartem, nie musicalhaft auftrumpfenden Klang die Stilvielfalt des Abends. Die zurückhaltende Instrumentierung setzt ein stimmiges Gegengewicht zum überbordenden Bühnengeschehen.

Regisseur Philipp Rosendahl arbeitet mit großer analytischer Genauigkeit den schrägen Stoff durch. Candide (Daniel Jenz) und seine Freunde Kunigunde (Lin Lin Fan), Maximilian (Daniel Holzhauser) und Paquette (Belinda Williams) nutzen die Posing-Gesten der Selfie- und Instagramwelt – von Anfang an läuft hier eine aktuelle Assoziationsebene mit. Der Kannibalenkönig kommt als Donald Trump daher und lässt das Themenfeld alternative Fakten und Hau-drauf-Populismus aufscheinen.

Die Gesangsanteile sind nicht hoch, desto herausfordernder ist es für die Sänger, sich in die anspruchsvollen Partien hineinzuhechten. Tenor Jenz singt „It Must Be So“ wie ein melancholisches Renaissancestück, Sopranistin Lin Lin Fan beginnt Kunigundes „Glitter And Be Gay“ mit fahlen Farbstimmungen todtraurig, bis sie für die Koloraturen bravourös aufdreht. Zu den gesanglichen Höhepunkten gehört auch „I Am Easily Assimilated“ der Alten Dame, der Inna Kalinia mit ausdrucksstarkem Mezzo viel Subtilität und Witz mitgibt.

Überzeugend auch die anderen Solisten: Bassem Alkhouri, Marc-Olivier Oetterli, Cozmin Sime, Michael Boley und Bernhard Modes, die als bärenfellumhüllter bulgarischer Soldat, Schaf, Inquisitor, Seeräuber, Gangsterrapper in Jogginghose oder Jäger auftauchen (Kostüme und Bühne: Daniel Roskamp und Brigitte Schima). Mit viel Spielfreude präsentiert sich auch der stimmstarke Chor – besonders eindrucksvoll, als aus dem Zuschauerraum gesungen wird. Für die Sprechtexte hätte aber technische Verstärkung gutgetan. Star des Abends ist der umjubelte Philipp Basener als Voltaire und Lehrer Dr. Pangloss. Mit hinterhältigem Charme führt er durch den Abend wie ein Conférencier in Schnürkorsage und weißer Unterwäsche. Witzig, süffisant. Spontan improvisierend greift er auf, dass zwei Zuschauer den Saal verlassen und spricht über den Bühnenmeister, der ihn vom Seil befreit, mit dem er von der Decke geschwebt kam.

Im Hintergrund – und dies ist das womöglich stärkste Regie-Statement – läuft die ganze Zeit über Videokunst von Daniel Hengst. Eine künstliche Intelligenz wird eingeführt, die die Hauptfiguren und die ganze Welt, Pflanzen, Gegenstände, Kontinente, zu scannen und zu verarbeiten scheint. Aufklärung und Humanismus mit ihrem Bild vom vernünftigen Menschen an der Spitze sind von der Computerwelt womöglich bereits abgelöst.

Wieder 29.1., 1., 6., 9.2., Karten: 0561-1094-222.

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