Vellmarer hatten Blind Date mit Stephan Thome

Lesung als Anlass für Luftsprünge

Stephan Thome Foto: von Busse

Vellmar. Einen Luftsprung vor Freude machte Katharina Engelhardt vom Büchereck am Rathaus, als sie erfuhr, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stephan Thome zur Blind-Date-Lesung Montagabend in Vellmar ins Auge gefasst hatte - rechtzeitig vor der Bekanntgabe der Shortlist zum Deutschen Buchpreis am heutigen Mittwoch. Vor drei Jahren hatte Thomes fulminantes Debüt, der großartige Roman „Grenzgang“, zu diesen letzten sechs für den Preis nominierten Titeln gehört.

Ohne zu wissen, welcher der 20 nominierten Autoren auftreten würde, war das ev. Kirchenzentrum voll. Insgeheim wäre sicher mancher Gast gern vor Freude in die Luft gesprungen, weil ausgerechnet Thome las. Nach sechs Jahren als Philosophie-Stipendiat in Taipeh ist der aus dem oberhessischen Biedenkopf stammende Schriftsteller nach Deutschland zurückgekehrt. Sein neuer Roman „Fliehkräfte“ ist mit Spannung erwartet worden.

Dessen Hauptfigur Hartmut Hainbach stellte Thome gleich von der „schlechtesten Seite“, auf dem „Tiefpunkt“, vor. Er erzählte eine Fahrt vom Bahnhof Marburg, wo der Bonner Philosophieprofessor seine neuerdings in Berlin arbeitende Frau abholt, nach Bergenstadt - dahinter verbirgt sich Biedenkopf. Dort wollen die beiden die Hochzeit einer Nichte mitfeiern. Unterwegs bricht all der angestaute Ärger über ihren Umzug aus ihm raus: Er ist trotzig, beleidigt, ungerecht, zynisch. Und dann, so Thome, „fliegt alles auseinander“.

„Elaboriertes Fachwissen und Reflexionskraft helfen nicht, wenn’s in der Ehe kriselt“, sagte Thome, „dann kann man mit Hegel und Kant nicht viel ausrichten.“ Ihn interessiere „das langsame Auflösen der Gewissheit, man sei der geworden, der man sein wollte“.

Jeder Zugewinn an Freiheit habe eine Kostenseite: „Eine Instabilität, die schmerzhaft sein kann.“ Die Vielzahl an Wahlmöglichkeiten, mit der man umgehen müsse, sei eine Überforderung. So steht für den knapp 60-jährigen Hainbach, dessen Leben äußerlich so geordnet scheint, plötzlich alles infrage. Er wird gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Dazu schickt Thome seinen „eigentlich ganz liebenswerten Helden“ in seinem „Road Movie“ bis nach Lissabon. Stephan Thome: Fliehkräfte. Suhrkamp, 474 S., 22,95 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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