Sieben Jahre nach seinem Tod erscheinen noch einmal Aufnahmen der Country-Legende

Johnny Cash: Letzte Neuigkeiten aus der Gruft

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Die Gesichter des Albums: Johnny Cash (links, 1932 bis 2003) wäre am vergangenen Freitag 78 geworden.

Von heute aus betrachtet, klingt es fast wie Gotteslästerung, aber als U2 1993 das Lied „The Wanderer“ mit Johnny Cash aufnahmen, fragten einige Kritiker, warum eine der größten Rockbands der Welt mit einem alternden Country-Sänger Füllmaterial für das Album „Zooropa“ produziert.

Dabei ist „The Wanderer“ bis heute eines der besten Stücke der irischen Stadionrocker geblieben - vor allem dank Cash.

Es macht Sinn, diese 17 Jahre alte Geschichte noch einmal zu erzählen, nun, da das vorerst wirklich allerletzte Album von Johnny Cash erschienen ist. Der US-Musiker starb am 12. September 2003 mit 71 Jahren an den Folgen seiner Diabetes. Seitdem wird er als einer der ganz großen Toten des Pop gefeiert. Doch Cash ist eben nicht immer der Held gewesen, der es mit Hits wie „Ring of Fire“ als einziger Musiker gleichzeitig in die Country Music Hall of Fame, die Songwriters Hall of Fame und die Rock and Roll Hall of Fame geschafft hat.

An diesem Tag erschien „American VI: Ain’t No Grave“, das den kleinen Farmersohn Johnny aus Arkansas mit Segelohren zeigt. Verantwortlich für die Aufnahmen war Produzent Rick Rubin, der es auch dank seiner Arbeit für Cash zum Vize-Chef der Plattenfirma Columbia gebracht hat.

Um der zu werden, als der er heute gesehen wird, musste Cash 1994 erst Rick Rubin begegnen. Der bärtige Produzent hatte bis dahin vor allem den Sound von HipHop-Bands wie den Beastie Boys veredelt. Cash kannte ihn nicht, und trotzdem nahm er ihn irgendwann mit in sein Blockhütten-Studio im US-Bundesstaat Tennessee. Schon die erste gemeinsame Veröffentlichung des Duos, „American Recordings“ aus dem Jahr 1994, wurde als Meilenstein des Country-Genres gefeiert.

Es folgten unzählige Aufnahmen, von denen einige vor drei Jahren posthum als „American V: A Hundred Highways“ erschienen. „American VI: Ain’t No Grave“ enthält nun zehn extrem reduzierte Songs, die fast allein von Cashs einzigartigem Bariton leben. Manchmal wirkt seine Stimme noch zerbrechlicher und trauriger als sonst. Vielleicht bildet man sich das jedoch auch nur ein, weil es so gut passen würde in die Geschichte dieses Albums.

Während der Aufnahmen im Mai 2003 starb seine Frau June Carter an den Folgen einer Herzklappenoperation. Auch Cash selbst war gesundheitlich schon angeschlagen. Rubin glaubt heute, „dass er einzig und allein für die Musik weitergelebt hat“. Beide wussten, dass es ihre letzte gemeinsame Platte werden würde. Deshalb sorgte Rubin dafür, dass die Musiker und ein Techniker jederzeit abrufbereit waren für den Meister: „Jeden Morgen rief er gleich nach dem Aufstehen den Toningenieur an und berichtete ihm, ob er sich fit genug für die Aufnahmen fühlte.“

Die Lieder auf „American VI“ - von Sheryl Crows „Redemption Song“ bis zur Eigenkomposition „I Corinthians: 15:55“ handeln von dem Wunsch nach Erlösung, von Freundschaft und von der Kraft des Glaubens. Es sind fast allesamt Country-Klassiker, aber die Botschaften werden selbst Fans von U2 und den Beastie Boys verstehen. In Kris Kristoffersens „The Good Times“ singt Cash: „I know it’s over but life goes on.“ Das Leben wird weiter gehen, auch ohne Cash.

So gut wie seine älteren Cover-Versionen von „Hurt“ (Nine Inch Nails) und „One“ (U2) ist keine der Neuinterpretationen. Das konnte auch nur einer wie Cash: Große Songs noch größer machen. Die fehlen auf „American VI“.

Johnny Cash: American VI: Ain’t No Grave (Mercury / Universal). Wertung: !!!::

Von Matthias Lohr

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