Vor 20 Jahren läutete das Nirvana-Album „Nevermind“ ein neues Zeitalter ein

Die letzte Rock-Revolution

Kurz bevor Nirvana berühmt wurden: Dave Grohl (von links), Kurt Cobain und Krist Novoselic 1990 in London. Foto: Picture-Alliance

Dave Grohl hatte mit seinen Kollegen von Nirvana im September 1991 gerade ein Konzert in einer kleinen Klitsche gespielt, als er spürte, dass sein Leben nie mehr so sein würde, wie es einmal war. 200 Fans waren zum Auftritt der Grunge-Band aus Seattle gekommen, der Schlagzeuger träumte davon, einmal als Vorgruppe der Underground-Helden Sonic Youth zu spielen. Aber dann kamen Grohl, Sänger Kurt Cobain und Bassist Krist Novoselic aufs Hotelzimmer und sahen auf MTV das Video zu ihrem Song „Smells Like Teen Spirit“.

Der wütende Hit und das dazugehörige Album „Nevermind“, das am Samstag vor 20 Jahren erschien, läuteten die bislang letzte Revolution des Rock ein. Für Campino von den Toten Hosen ist die Platte das wichtigste Album seit „Never Mind The Bollocks“ von den Sex Pistols (1977): „Nach dieser Scheibe wurde der Begriff Mainstream völlig neu definiert.“ Das Video zu „Smells Like Teen Spirit“ ist bis heute das meistgespielte Video auf MTV. „Nevermind“ verdrängte Michael Jackson vom Platz eins der US-Charts und inspirierte unzählige andere Gitarrenbands. Damit hatten Grohl und Kollegen nie gerechnet.

Die 13 Songs vereinten die Wucht des Metal mit den Melodien des Pop sowie der Wut des Punk. Die charakteristische Laut-und-leise-Dynamik hatte sich Cobain von den Pixies abgeschaut. Dazu sang er vom Unverstandensein mit einer Stimme, der man den Schmerz anhörte.

Im selben Jahr erschien Douglas Couplands Roman „Generation X“, in dem der Kanadier die 20- bis 30-Jährigen porträtierte, die als erste weniger Wohlstand erreichen würden als ihre Eltern. Nirvana lieferten dazu den Soundtrack und machten den Begriff zum Schlagwort. Alternative Musik und Lebensformen wurden konsensfähig.

Bis zum Durchbruch von Nirvana hatten unpolitische Poser-Bands wie Bon Jovi und Guns’N’Roses den Rock bestimmt. Dann sang Cobain „Hier sind wir nun, unterhaltet uns“ und verweigerte sich den Gesetzen. Über den „kapitalistischen Moloch“ sagte er: „Man muss ihn ausbeuten, man muss ihn vergewaltigen - genauso wie er dich vergewaltigt.“

Doch Cobains Verweigerung wurde ebenfalls zur Pose, und schließlich vergewaltigte er sich selbst. Das zwei Jahre nach „Nevermind“ erschienene Album „In Utero“ ist eine einzige Lärmwüste. Am 5. April 1994 erschoss sich der heroinsüchtige Star mit 27 Jahren in seinem Haus in Seattle und zitierte im Abschiedsbrief Neil Young: „Es ist besser auszubrennen als zu verwelken.“

Seine Musik, heißt es immer so schön, lebt weiter. Dabei findet selbst Schlagzeuger Grohl, dass es bessere Songs gibt. „Wenn jemand meint, dass ,Smells Like Teen Spirit’ die größte Single aller Zeiten ist, kann ich darüber nur lachen“, sagte der heutige Sänger (42) der Foo Fighters. Auch diese Ehrlichkeit unterschied Nirvana von anderen Bands.

Von Matthias Lohr

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