Existenzielle Einsichten von Bruce Nauman in Berliner Schau

Die letzten Dinge

Nur einzeln zu betreten: Der Kasseler documenta-Korridor von 1972, eine Leihgabe des Guggenheim Museums New York.

Berlin. Von keinem Künstler hat Friedrich Christian Flick so viele Werke gesammelt wie von Bruce Nauman (mehr als 70). Eine gute Wahl, denn kaum einer vermittelt durch seine „Erfahrungsarchitekturen“ derart existenzielle Einsichten wie der 69-jährige Amerikaner. 33 Video-Arbeiten, Neon-Skulpturen und Korridor-Installationen umfasst nun die „kleine Retrospektive“, wie Kurator Eugen Blume die Ausstellung mit dem Titel „Dream Passage“ im Hamburger Bahnhof nennt - eine Werkschau, die alle wichtigen Aspekte seines Schaffens vorstellt.

Nauman ist es um die Abgründe, die den Einzelnen umgeben, und die letzten Dinge zu tun. Riesige Sperrholzkisten besetzen die zentrale Halle des Berliner Museums für Gegenwartskunst. In ihnen bekommt der Besucher sich und seine Verlassenheit zu spüren.

Etwa im leeren, klaustrophobischen Kasseler documenta-Korridor von 1972, der nur einzeln betreten werden darf. Keine Augenweide, sondern Selbst-Erfahrungsraum. Thematisiert werden von dem von Beckett inspirierten Künstler immer wieder Einsamkeit, Leere und Lebenssinn.

Hingucker sind allein die blinkenden Neon-Skulpturen an den Wänden der Bahnhofshalle. Titel wie „Sex and Death / Double“ offenbaren, dass es dem Künstler auch hier um des Pudels Kern geht. Ausgangspunkt schon in jungen Jahren war für ihn die Frage: Was ist der Mensch? In Installationen und Videos sucht er Antworten, findet Metaphern für das Dasein. „Ich suche nach einer Kunst, die an die Grenzen führt“, sagt der in New Mexico auf seiner Pferderanch lebende Medienscheue, der ohne Malerei auskommt.

Im monumentalen „Raum ohne meine Seele, ein Raum, dem das gleichgültig ist“ führt er den Besucher eindrucksvoll an jene Grenze. In der Mitte eines langen Weg-Kreuzes blickt dieser durch einen Rost in den Abgrund einer leeren Gruft - seine Zukunft. Als erstes und einziges Museum weltweit, so Direktor Udo Kittelmann, mache man eine solche Installation permanent begeh- und erfahrbar. Nach der Schau bleibt dieses Geschenk des Sammlers weiter aufgebaut - quasi als Monument wider die Belanglosigkeit.

Bis 10. Oktober, Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Tel. 030 - 3978 3411, www.hamburgerbahnhof.de

Von Andrea Hilgenstock

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