Eröffnung der Kleinkunstsaison

So lieb und so böse: Kabarettist Hagen Rether in Vellmar

Er versteht die Welt nicht mehr: Kabarettist Hagen Rether in der Mehrzweckhalle Frommershausen. Foto: Zgoll

Vellmar. Der Twitter-Account von Hagen Rether sieht sehr komisch aus. Fast 5000 Follower hat der Kabarettist beim Kurznachrichtendienst, dabei hat er erst einen einzigen Tweet in die Welt gesendet.

Am 5. September 2009 schrieb Rether: „Liebe.“ So heißt seit Jahren sein Programm, das er immer wieder komplett austauscht und mit dem er am Donnerstag zum Auftakt der Vellmarer Kleinkunstsaison in der Mehrzweckhalle Frommershausen gastierte.

Dort lieferte der 44-Jährige mehr als dreieinhalb Stunden lang so viele gute Pointen, dass er bald mindestens eine Million Follower hätte, wenn er sie in 140 Zeichen twittern würde. Zum Beispiel den Satz: „Wenn Edathy Priester gewesen wäre, wäre er in der Nachbarpfarrei untergekommen.“ Oder: „Wählen ist wie Zähneputzen. Wenn man es nicht macht, wird es braun.“ Oder: „Männer trinken 30 Jahre Bier, und mit 50 sind sie traurig, dass sie Titten haben.“

Es gibt wenige Kabarettisten, die so gut und böse sind wie der studierte Pianist aus Essen. Es ist allerdings auch nicht ganz einfach, Rether zu lieben. „Lassen Sie uns mal drei Stunden langweilen“, sagt er zu Beginn, fläzt sich in seinen Stuhl vor dem Flügel, redet ohne roten Faden über dies und das und macht dazwischen Pausen, in denen man 140 Buchseiten lesen könnte.

„Was ist los in diesem Land?“, fragt Rether immer wieder. Er versteht etwa nicht, warum man heute schon mit 17 Abi machen muss, wenn die Menschen doch 90 Jahre alt werden, und warum man schon mit 63 in Rente gehen muss. „Dann müssen sie noch 30 Jahre mit Stöcken im Wald rumrennen“, sagt er und rät: „Ehret die Alten, bevor sie erkalten.“

Minutenlang schildert der Vegetarier, wie man Hühner in ein Elektrobad steckt, vergast und ihnen den Kopf abhackt. Er echauffiert sich über unsere „perverse Ethik“, Sex mit Tieren zu verbieten, sie aber zu essen: „Fragen Sie mal die Kuh, ob sie vom Bauern lieber geköpft oder gebumst werden will.“

Andere Kabarettisten beschimpfen Politiker, der Grünen-Sympathisant klagt lieber den Wähler an, der „so brunzdumm ist, dass es wehtut“.

Manchen der 550 Zuschauer tut es irgendwann zu sehr weh. Es ist schon kurz vor Mitternacht, als Rether am Flügel den Saal ein bisschen leer spielt. „Wenn sie nicht mehr können, gehen sie einfach“, sagt er. Das machen nicht wenige, aber nächstes Mal kommen sie sicher wieder.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.