Das Symposium „Das Fest der Liebe zur Kunst“ war der Höhepunkt des documenta-Begleitprogramms der evangelischen Kirche

Zur Liebe gehört auch der Kummer

Angeregte Gespräche: Blick in die Alte Brüderkirche während des philosophisch-theologischen Banketts. Fotos:  Schachtschneider

Kassel. Als Petra Bahr ihren Sohn vor Giuseppe Penones Bronzebaum in der Karlsaue fragte, ob er sich nicht wundere, wie der schwere Stein in dessen Krone gekommen sei, antwortete der Vierjährige der Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland: „Ich muss nicht staunen. Das ist doch Kunst.“

Was kann Kunst, was darf Kunst? Und woher rührt die Verklärung und Verehrung, die der Kunst dargebracht wird? Darum drehte sich „Das Fest der Liebe zur Kunst“, ein Symposium der Akademie Hofgeismar, mit dem die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck am Wochenende mit 150 Teilnehmern den Höhepunkt ihres documenta-Begleitprogramms feierte. Vorbild eines philosophisch-theologischen Banketts in der Alten Brüderkirche in Kassel war das Gastmahl des Platon, bei dem um 400 v. Chr. Philosophen und Dichter über die Liebe debattierten.

In die Rollen der antiken Vorbilder schlüpften zu Genüssen wie Ägäis-Barsch, arkadischem Lamm, Wein vom Berg Athos und Musik Tischredner wie der Ästhetik-Professor Bazon Brock, Lyriker Jan Wagner oder die Zürcher Psychologin Brigitte Boothe. Manche Beiträge (die unter der schwierigen Akustik litten) blieben philosophisch-abstrakt, andere bezogen sich unmittelbar auf die documenta 13. So wie die fundamentale Absage des Würzburger Theologen Klaas Huizing, der es „schrecklich und erbärmlich“ fand, dass plötzlich alles Kunst sein soll - sogar Hunde.

Eine „autoritäre Gesamtregie“ erkannte Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich auf der d13. Weder Subversion noch Subtilität habe er gesehen, sondern „Enge und Strenge“, die einschüchtere, stumm mache. Unter der Hand seien die Teilnehmer zu Auftragskünstlern der Kuratorin geworden, die dem Vernehmen nach, sofern sie das Gewünschte nicht geliefert hätten, „unsanft wieder ausgeladen“ worden seien. So verliere Kunst ihre Autonomie und Freiheit.

Die Gegenrede hielt Thomas Erne, Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart (Marburg). „Mir geht das Herz über“, sagte Erne. Die d13 lasse ihn schweben, sie sei sinnlich-intellektuelles Abenteuer, ein „Medium der Selbstverständigung über Fragen, die uns alle angehen“. Dass auch die Religion ein Kulturphänomen ist (was viele streng religiöse Menschen nicht akzeptieren könnten), machte Germanist Jochen Hörisch (Mannheim) deutlich. Umgekehrt könne man aber auch aus der Kunst eine Religion machen: „Und das ist auf der documenta passiert.“

Bischof Martin Hein hatte eingangs „religiöse Unter- und Obertöne“ der d13 hervorgehoben - obwohl deren Leiterin auf Distanz zu den Kirchen gehe, deren Liebe zur Kunst auf wenig Gegenliebe stoße. Zur Liebe gehörten aber auch Kummer und Streit. Mit Worten des Korintherbriefs verwies Hein auf die langmütige, freundliche Liebe, die den Appell zur Toleranz beinhalte. Da könne auch der Kunstbetrieb manches lernen.

Von Mark-Christian von Busse

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