Der liebe Gott auf Facebook - Cartoonist Til Mette in der Caricatura

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In Sachen Medienpräsenz noch verbesserungsbedürftig? Der liebe Gott und Facebook.

Kassel. Fürs Auf-dem-Schoß-Sitzen ist der dicke junge Mann eigentlich schon viel zu groß. Treuherzig blickt er zu dem Priester, den er unter sich fast erdrückt: „Wie lange müssen wir uns noch heimlich treffen, Vati?“ „Stern“-Cartoonist Til Mette stellt ab Samstag in der Kasseler Caricatura-Galerie aus.

„Hupen Sie, wenn Sie Jesus lieben“ heißt die Schau, die vorwiegend Blätter zu religiösen Themen zeigt.

Til Mette

Fundamentalismus, westliche Buddhisten, der Islam, scheinheilige Frömmigkeit: in den Schwarz-weiß-Bildern kriegt jeder sein Fett weg. Oder er zelebriert einfach die „Lust am albernen Witz“, wie Til Mette im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt - wie bei dem Cartoon zum Achselschweiß. Wer ihn nicht hat, kann nicht nur lockerer Straßenbahn fahren, er hängt auch entspannter mit ausgestreckten Armen am Kreuz: Der Erlöser nutzt offenbar das richtige Deo. Auch wird Gott aufgefordert, auf Facebook präsent zu sein. Allgegenwart ist in Internetzeiten neu zu definieren.

Hintergründig wird es etwa auf der Zeichnung, wo auf dem Bürgersteig ein Mann im Osterhasenkostüm auf dem Einrad bunte Eier jongliert und die strenge Muslim-Familie mit Kopftüchern davor steht und der Vater zu dem absurden Spektakel sagt: „Für Einheimische symbolisiert es das Zentralmotiv ihres Glaubens. Die Auferstehung Jesu!“. Die Wertediskussion unserer Gesellschaft - auch befeuert durch fromme muslimische Einwanderer, ist ein Thema, das Mette umtreibt.

Etwa die Hälfte der Exponate sind Originale, die anderen Drucke. Mette zeichnet beim Arbeiten die Linien von Hand - mit seinem Lieblingswerkzeug, einem japanischen Billig-Stift, den es in den USA für zwei Dollar gibt, und den er 60-stückweise kauft - „völlig entsetzt, dass es ihn in Europa nicht gibt“ - auf normales Schreibmaschinenpapier. „80 Prozent meiner Arbeit landet im Papierkorb“, erzählt er.

Nachgebessert wird nicht, wenn ein Strich nicht sitzt, fängt er von vorn an. „Handwerklich ist meine Arbeitnicht sehr anspruchsvoll, das könnte jeder im VHS-Kurs in ein, zwei Jahren lernen“. Es geht um die Idee. Die vorgezeichneten Blätter werden eingescannt und bekommen im Computer Grauflächen und damit Tiefe. Dann gehen sie an den „Stern“. Woche für Woche aus Providence, Rhode Island, wo Mette (54) mit seiner Frau und den beiden Töchtern lebt. „in den USA bekommt man einen guten Vorgeschmack, was in Europa auf uns zukommt“, sagt Mette.

Wie die Verunsicherung vieler Eltern, ob sie ihre Kinder genug fördern - befeuert von hyperehrgeizigen „Tigermüttern“ wie Autorin Amy Chua. Bei Mette sitzt ein Vater mit dicken Augenringen auf dem Sofa, während das Söhnchen Geige spielt und die Mutter über ihn sagt: „Martin fährt ihn jeden Morgen nach China und holt ihn nach dem Unterricht wieder ab.“

Caricatura, Kulturbahnhof Kassel, bis 6.11., Eintritt: 4 Euro.

Von Bettina Fraschke

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