Mozarts „La clemenza di Tito“ mit Rezitativen von Manfred Trojahn

Ach du liebe Güte - Mozarts „La clemenza di Tito“

Zwei Ebenen der Oper: Oben agieren die Sänger, hier Inna Kalinina als Sesto (liegend) und Nina Bernsteiner als Vitellia. Darunter spielt das Staatsorchester. Foto: Ketz

Kassel. So devot, wie es auf den ersten Blick scheint, ist die Haltung nicht, wenn einem Kaiser bei der Krönung das Idealbild eines Herrschers vorgeführt wird. Mozarts „La clemenza di Tito“ (Die Milde des Titus) tut das, und die Oper legt die Messlatte für den neuen Kaiser hoch.

Gleichzeitig zeigt sie ihn aber auch als Menschen im Widerstreit der Gefühle. Doch das ist die Außenseite. Was die sechs Personen dieser Oper antreibt, ihre Interaktion spielt sich, wie in der Opera seria üblich, in den unbegleiteten Rezitativen ab. Der Komponist Manfred Trojahn (60) hat diese im Original gar nicht von Mozart selbst stammenden Passagen neu vertont und orchestriert.

Das Doppelwerk, das am Samstag in Kassel Premiere hatte, enthält zwar harte Schnitte zwischen Mozarts und Trojahns Musik. Doch insgesamt gewinnt die Oper deutlich an dramatischer Kraft, weil Trojahn in seinen Rezitativen die psychische Befindlichkeit der Protagonisten auf illustrative Weise reflektiert.

Dem Orchester kommt so eine herausgehobene Rolle zu. Der Regisseur und Bühnenbildner Johannes Schütz - dem Kasseler Publikum seit seinem „Tristan“ in guter Erinnerung - holt die Musiker auf die Bühne und platziert die Sänger darüber in einem breiten, hell ausgeleuchteten Bühnenkasten, der durch seine geringe Tiefe den Eindruck von Zweidimensionalität erweckt - ein überwältigender Effekt zu Beginn. Requisiten fehlen fast vollständig, die Figuren tragen Schwarz-Weiß (Kostüme: Sabine Thoss) und nehmen den Hell-Dunkel-Kontrast der Bühne auf.

Beste Voraussetzungen für ein psychologisch genaues Kammerspiel. Doch das bleibt dann weit gehend aus. Die Aktion beschränkt sich meist auf konventionelle Operngestik, kaum einmal Bilder, die berühren und haften bleiben. Dass beim Brand Roms zu rotem Licht Bühnennebel aus Silberschalen wabert - eine Spielerei.

Sängerisch haben die Protagonisten dagegen einiges zu bieten. Tomasz Zagorski in der Titelrolle ist ein Tenor mit Strahlkraft und Wärme. Eindringlich und koloratursicher verkörpert Inna Kalinina den innerlich zerrissenen Sesto - eine Höhepunkt seine Arie „Parto, ma tu ben mio“ mit dem großen Bassettklarinettensolo (Tetsuo Hirosawa).

Ingrid Frøseth (Servilia) und Maren Engelhardt (Annio) sind stimmlich ein vorzügliches Paar, und Nina Bernsteiner verkörpert mit viel Einsatz eine Vitellia zwischen Berechnung und Selbstmitleid, neigt dabei aber zum Forcieren. Ruhige Basskraft verströmt Igor Durlovski als Publio.

Obwohl fast unsichtbar hinter dem Orchester platziert, steuert der Chor als römisches Volk feierliche Momente bei. Alexander Hannemann am Pult hält die Fäden der Aufführung straff in Händen und organisiert souverän die Wechsel zwischen Mozart und Trojahn. Während bei Trojahn atmosphärisch dichte Klangbilder entstehen, geht Mozarts Musik recht nüchtern und meist in raschem Puls über die Bühne.

Am Ende gab’s langen Beifall im ausverkauften Haus, der auch den Komponisten Manfred Trojahn einschloss.

Wieder am 12., 26., 27. und 30.5. Karten: Tel. 0561/1094-222.

Von Werner Fritsch

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