Paul Simon präsentiert sich auf seinem zwölften Soloalbum „So Beautiful Or So What“ in Bestform

Die Liebe und ein Hühnereintopf

Kraftvoll wie eh und je: Paul Simon. Foto:  dpa

Das Leben ist ein Hühnereintopf. Du kannst jederzeit Gemüse und Gewürze dazutun und ihn Aufpeppen. Paul Simon gibt im Titelsong seines neuen Albums „So Beautiful Or So What“ ein Rezept für den Südstaaten-Klassiker Chicken Gumbo - und wandelt die Zutatenliste in eine philosophische Betrachtung des Lebens.

Auch auf seinem 12. Soloalbum beweist Paul Simon seine Meisterschaft im Texten und Komponieren. Frisch und ganz eigenständig, vielfältig und zum genauen Hinhören sind die zehn Titel gemacht. Abseits vom Mainstream und von wunderbarer Komplexität - und dann doch wieder einfach schön und herzergreifend.

Paul Simon singt von der Liebe und von dem Wunsch, grübelnd in dunkler Nacht im Bett eine Hand zum Festhalten zu ertasten („Love And Hard Times“). Vom beglückenden Gefühl, sicher zu sein, dass das geliebte Gegenüber und man selbst von demselben Stern beschützt werden („Dazzling Blue“). Kitschig oder pathetisch wird das nie. Das liegt an Simons treffsicherem Gespür für Ironie, die das Liederzählen immer wieder bricht, indem er etwa selbstreflexiv auch über das Liebesliedschreiben singt.

Musikalisch knüpft Simon in der Art, wie er Musikstile verschmilzt, an seine Spitzenalben wie „Graceland“ an: In „The Afterlife“ ist es ein Soca, ein indisch inspirierter Calypso. Es gibt erwachsenen Pop, Bluegrass, Gospel („Love and Blessings“) und verträumte Gitarrenkunst (in dem instrumentalen „Amulet“).

Der frühere Kreativkopf des Folkrock-Duos Simon & Garfunkel („Sounds of Silence“) ist mit knapp 70 Jahren künstlerisch in Hochform. Und es bewegt, dass der Ostküstenintellektuelle mit der sehnsuchts-getränkten Stimme seine Lieder auf „So Beautiful Or So What“ so nackt und so menschlich sein lässt. Die Titel stehen da wie ungeschützt, schlicht und bescheiden eine tiefe Wahrheit künden wollend. Das erfordert viel Mut und eine lässige Selbstgewissheit.

Simon wirft sich auch in die gute Laune hinein - schon mit dem ersten Titel, dem fröhlichen Marschrhythmus von „Getting Ready For Christmas“, das mit düsteren Bußaufforderungen des 40er-Jahre-Predigers J.M. Gates verknotet ist. Wieder so eine textlich-akustische Hinterhältigkeit.

„Dazzling Blue“ ist eine weiche Ballade, in „Love Is Eternal Sacred Light“ wird es politisch, wenn ein Selbstmordattentäter auftaucht und Gott und sein Sohn überlegen, ob man die Menschheit retten soll. Und schließlich erfahren wir in „The Afterlife“, dass die Ankunft im Himmel vor dem lieben Gott mit Bürokratie und Schlangestehen ausgefüllt ist, und im Angesicht des Schöpfers schließlich nur eine einzige Frage im Kopf kreist: „Lord, Is It Bebop A Lula?“.

Paul Simon: So Beautiful Or So What (Universal), Wertung: !!!!!

Von Bettina Fraschke

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