Das herrlich unpeinliche Aufklärungsbuch „Make Love“ wurde zum Bestseller

Die Liebe ist kein Porno

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Echte Menschen statt Sexstars: Für „Make Love“ sprach die Fotografin Heji Shin junge Paare auf der Straße in Berlin an. Das Buch zeigt die Liebenden ganz ungekünstelt und sehr freizügig.

Auch Youporn, die erfolgreichste Porno-Seite der Welt, kann jemanden wie den „Bravo“-Aufklärer Dr. Sommer nicht ersetzen. Jeder zweite der 11- bis 13-jährigen Jungen, sagt die Sexologin Ann-Marlene Henning, sieht Pornos im Internet.

Bei 14-Jährigen sind es gar 80 Prozent. Das hat sie vielleicht geiler, aber nicht klüger gemacht. „Die Jugendlichen wissen wirklich genauso wenig wie vor 20 Jahren“, sagt Henning.

Um das zu ändern, hat die 45-Jährige, die in Hamburg als Therapeutin arbeitet, mit der Journalistin Tina Bremer-Olszewski ein Aufklärungsbuch für Jugendliche ab 14 Jahren geschrieben. „Make Love“ wurde ein Überraschungs-Bestseller des Jahres. Über 80 000 Exemplare verkaufte der Verlag Rogner & Bernhard. Übersetzungen wird es bald in Italien, Spanien, Korea, Holland, England und Irland geben. Gerade ist es zudem als E-Book erschienen – nur nicht im iBook Store von Apple, denn der US-Konzern bietet keine Produkte mit nackten Menschen an.

Auch das sagt einiges über unsere sexualisierte Gesellschaft. „Make Love“ zeigt der Generation Porno, dass Sex etwas anderes sein kann als das, was man im Internet, Fernsehen oder sonstwo sieht. Hier geht es nicht um Inszenierungen, sondern um das Spüren des eigenen und des anderen Körpers. Hennings Grundsatz lautet: „Erregung ist angeboren, Sexualität wird gelernt.“

Unter Überschriften wie „Finde dich“, „Komm doch“ und „Jetzt geht es um die Wurst“ erfährt man, dass männliche Embryonen schon im Bauch der Mutter erste Erektionen haben, dass Sperma leicht metallisch schmeckt und welche Schamhaarfrisur ein Brazilian Landing Strip ist.

Die Sprache ist anders als etwa bei Dr. Sommer herrlich unpeinlich. Und die Bilder von Heji Shin zeigen echte Menschen statt Pornostars mit künstlichen Brüsten. Die Fotografin sprach junge Paare in Berlin auf der Straße an und begleitete sie dann nach Hause. Kritiker halten „Make Love“ schon für einen Nachfolger von Standardwerken wie „Joy of Sex“ des Briten Alex Comfort (1972) oder den „Sexualkunde-Atlas“ der damaligen SPD-Gesundheitsministerin Käte Strobel (1969).

Nicht nur Heranwachsende können hier etwas lernen, sondern auch deren Eltern. In ihrer Praxis hat Henning nämlich festgestellt, dass Erwachsene „von Sex eigentlich keine Ahnung haben“.

Ann-Marlene Henning, Tina Bremer-Olszewski: Make Love. Ein Aufklärungsbuch. Mit Fotografien von Heji Shin. Rogner & Bernhard, 456 Seiten, 22,95 Euro. Wertung: !!!!!

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