Die Liebe und der Kommunismus - Liedermacher Wolf Biermann im Interview

Fliegen mit fremden Federn“ heißt das aktuelle literarisch-musikalische Programm von Wolf Biermann. Die Liedermacherlegende kommt damit am Mittwoch nach Vellmar. Wir sprachen mit ihm über Shakespeare, Sprachgewalt und die Archäologie von Liedern.

Herr Biermann, mit welchen fremden Federn schmücken Sie sich bei Ihrem Auftritt?

Wolf Biermann: Das ist eine Entdeckungsreise durch Lieder und Gedichte, die ich im Laufe von 50 Jahren aufs deutsche Land gezogen habe. Nachdichtungen auf deutsch, einige sehr treu, einige sehr untreu. Weil die ganz unsystematisch entstanden sind, habe ich ein schönes Wort dafür entdeckt: Sammelsurium.

Was ist daran so schön?

Biermann: Das Wort klingt ja abwertend. Aber es bezeichnete ursprünglich etwas Kulinarisches: Etwas sauer Gekochtes - vom plattdeutschen suur. Ein sauer gekochtes, schmackhaftes Resteessen. Na, bei mir vielleicht süßsauer.

Sie stellen Nachdichtungen vor - wovon?

Biermann: Es sind große erhabene Gedichte von Shakespeare, aber auch kleine, nuddelige Lieder aus England, Frankreich, Russland. Das, was wir im Familienjargon Menschenlieder nennen.

Sind eigene Lieder dabei?

Wolf Biermann am Mittwoch, 19.30 Uhr, in der Mehrzweckhalle Vellmar-Frommershausen, Karten: Tel. 0561/8200748 und 0561/826561.

Biermann: Überhaupt nicht. Sie sind insofern meine Lieder geworden, weil ich sie mir angeeignet habe. Da geht es nicht darum, ob man die fremde Sprache beherrscht. Ob eine Nachdichtung gelingt, hängt ausschließlich davon ab, ob man in seiner eigenen Sprache ein starkes, lebendiges Gedicht schreiben kann.

Welches Werk ist Ihnen besonders wichtig?

Biermann: Das Sonett 66 von William Shakespeare. Es ist das berühmteste von seinen 154 Gedichten. Wenn ich Sie verführen wollte, würde ich das nehmen.

Warum ist das für Sie so bedeutsam?

Biermann: Für mich als Ostmensch stand da etwas ganz Neues drin. Ich wurde als Kommunist erzogen und sollte immer die Menschheit retten. Shakespeare schreibt auf 12 von 14 Zeilen, wie schrecklich die Welt ist, und dass man sterben möchte. In den letzten beiden Zeilen sagt er plötzlich: Aber das kann ich nicht, weil ich meine Liebe nicht zurücklassen könnte. Die Liebe zu einem Menschen befähigt, die Welt zu ertragen: Das war für mich als Kommunisten eine bahnbrechende Erkenntnis.

Apropos: Die DDR ist mittlerweile Stoff für den Geschichtsunterricht. Obwohl erst 20 Jahre her, ist sie für die Schüler sehr weit weg. Was sollen die darüber heute lernen?

Biermann: Das Selbstverständliche als nicht selbstverständlich begreifen: die Freiheit. Wenn man die Freiheit erlebt wie Luftholen, merkt man gar nicht, was sie wert ist. Außerdem gilt für alle jungen Leute, dass sie zur Menschheit gehören. Wer das nicht weiß, ist eine Eintagsfliege. Der hat nicht nur keine Zukunft, sondern auch keine Gegenwart.

Wie soll man die Erinnerung an die DDR wachhalten?

Biermann: Das Wichtigste ist, dass man keine Schuldgefühle aufzwingt. Man soll junge Leute nicht züchtigen mit dem Stoff. In der Schule soll ihre Neugier qualifiziert werden. Damit sie den älteren Menschen die richtigen Fragen stellen können, nicht nur: Wie was das damals?

Kommen denn zu Ihren Auftritten vor allem die Alten, die sich an Protestzeiten erinnern, und will Ihr Publikum immer dieselben Lieder, oder geht es auch mit zu neuen Themen?

Biermann: Alte und Junge, Alternative und Alter-naive kommen zu mir. Weil ich die Menschheit schon so lang mit meinen Liedern beliefere, kann ich wie ein Archäologe Erdschichten erkennen. An Titeln, die das Publikum für Zugaben ruft, erkenne ich, wie alt die Leute sind. Menschen lieben die Titel, die neu waren, als sie selbst neu waren.

Das heißt: Gerade erwachsen geworden ...

Biermann: Als sie mit offener Brust durch die Welt gegangen sind und alles in sich eingelassen haben. Die Tür geht dann bei vielen langsam zu. Man liebt die Lieder, die man gehört hat, als man mit der Welt noch einiges vorhatte.

Zur Person: Wolf Biermann

Am 15. November ist der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann 75 Jahre alt geworden. Er ist zum zweiten Mal verheiratet und hat zehn Kinder. 1936 in Hamburg geboren, siedelte er 1953 in die DDR über. Er studierte und begann ab 1960, Lieder zu schreiben. 1962 sorgte er mit einem politischen Gedicht für einen Eklat, 1976 wurde er ausgebürgert, was zu großem Protest führte. Biermann erhielt zahlreiche Preise und veröffentlicht rege weiter. Er lebt in Hamburg.

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