Martin Walser beeindruckte bei seiner Lesung in Vellmar

Liebe ist mehr als Gymnastik

„Um Gottes willen, wo soll das hinführen?“ Martin Walser bei seiner Lesung in Vellmar. Foto: von Busse

Vellmar. Phänomenal, wie der 85 Jahre alte Martin Walser am Montagabend in der Mehrzweckhalle Frommershausen las: gut 50 Minuten lang, im Stehen, konzentriert und souverän. Großartig ließ er in seiner alemannischen Färbung die Helden seines aktuellen Briefromans „Das dreizehnte Kapitel“ lebendig werden.

Walser, begrüßt als „einer der großen Autoren dieses Landes“, trug eine Art Kompaktfassung des Brief-Dialogs des Autors Basil Schlupp und der Theologin Maja Schneilin vor, mit einem Spannungsbogen vom Kennenlernen bei einem Essen des Bundespräsidenten in Schloss Bellevue bis zu ihrem Verstummen.

Allein, mit welchem Geschick Walser die vornehme Tischgesellschaft schildert, in der der schon angetrunkene Schriftsteller den Hofnarren gibt, hat Klasse: Wie Basil bald auf die Theologin fixiert ist, wie er auf die „zierlichen Lachexplosionen“ eifersüchtig wird, die ihr Tischherr, ein Hirnchirurg und „Konversationsvirtuose“, auslöst. Überhaupt, die Walser’schen Wortschöpfungen, „Entblößungsautomatik“, „Geständniswettbewerb“ oder „Verratslust“. Kaum ein Schriftsteller entwickelt wohl so lustvoll die Selbstgespräche seiner Protagonisten - er bohrt geradezu in ihrem Inneren.

Von seinen Mittelstandshelden, die durch Abhängigkeit deformiert wurden, habe er sich gelöst, sagte Walser. Entdeckt habe er mit dem neuen Buch: „Wir alle haben ein Innenleben, für das es jemanden braucht, der nicht zum Alltag gehört.“ Sagen können, was man zu Hause nicht sagen kann - das ist die Chance der Briefpartner, zwischen denen sich durchaus Liebe entwickle: „Liebe ist hauptsächlich Sprache, der Rest ist Gymnastik.“

Auf Fragen der 400 Zuhörer wurde verzichtet, Hans-Jürgen Breidenstein vom rührigen Literaturverein Ecke und Kreis unterhielt sich gut 15 Minuten mit Walser, ehe der für eine lange Schlange von Besuchern Bücher signierte. „Gestatten Sie“, sagte der 85-Jährige freundlich und erzählte, dass er immer erst drauflosschreibe, sich manchmal selbst frage: „Um Gottes willen, wo soll das hinführen?“ Das Wichtigste sei, einen Ton zu finden. Die Figuren entwickelten sich von selbst, gerade bei einem Briefroman, wo jeder Brief den nächsten provoziere. „Bei mir macht der Ton alles.“

Maya könne den Roman nicht überleben, verriet Walser. Alle großen Romane gingen nicht gut aus, doch werde man als Leser instand gesetzt, schlimmste Passagen zu ertragen. Bei Dostojewski etwa sei man beglückter Zeuge fremden Elends. „Es gehört zur Liebe, dass sie nicht glücklich wird.“ Das aber wollte Walser dann doch nicht stehen lassen: „Vergessen Sie’s wieder!“

Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel. Rowohlt, 272 Seiten, 19,95 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.