Andreas Dörings fulminanter Saisonstart am Jungen Theater: „Wie es euch gefällt“

Die Liebe ist ein Rocksong

Liebesscharmützel: Sascha Werginz (von links) als verliebter Orlando, Constanze Passin als seine angebetete Rosalinde in Jungsverkleidung und Elisabeth-Marie Leistikow als ihre Cousine Celia. Foto: Eulig

Göttingen. Zwei Frauen turteln miteinander. Dann verliebt sich die eine in einen Mann. Später begegnet sie ihm wieder - dummerweise ist sie gerade als Mann verkleidet. Er schwärmt ihm/ihr von genau der Frau vor, die sie ohne Kostümierung ist. Sie will ihm diese Liebe abtrainieren, indem sie (als Mann) ihm die Frau vorspielt, die sie eigentlich ist. Alles klar?

William Shakespeare, der große Menschenkenner und Komödienschreiber, treibt in seinem elegant-verwickelten Stück „Wie es euch gefällt“ die Liebeswirren auf die Spitze und stellt die Frage, unter welchen Bedingungen wir uns in jemanden verlieben. Das Junge Theater in Göttingen eröffnet die neue Spielzeit mit einer fulminanten, frechen, witzigen und sehr musikalischen Inszenierung von Intendant Andreas Döring. Am Donnerstagabend gab es dafür viel Applaus im vollen Saal. Das komplette neunköpfige Ensemble steht auf der Bühne, verstärkt um zwei Musiker. Es wird gesungen, gekämpft, Gitarre und Keyboard gespielt, geflirtet und geschnackselt.

Von Anfang an verwischt Döring die sexuellen Identitäten. Schon der hartleibige Diktator, in dessen gewaltdominierter Welt das Stück beginnt (Dirk Böther), trägt zu schweren Stiefeln und Ledermantel ein schwarzes Glitzerkleid (Kostüme: Sonja Elena Schroeder). Die Welt dieses Herzogs ist ein Gefängnis, ein riesiger Käfig steht auf der von Überwachungsscheinwerfern gleißend ausgeleuchteten Bühne (Döring, Axel Theune), aber es ist eine coole Welt der Rockmusik. Titel von Tom Waits („Just The Right Bullets“) oder Sting („Fragile“) werden live gesungen, sie injizieren dem ohnehin sehr physischen Abend noch mehr Power.

Die Cousinen Rosalinde (Constanze Passin) und Celia (Elisabeth-Marie Leistikow) verlassen den Käfig, um sich dem verbannten anderen Herzog im Wald anzuschließen. Dort herrscht pure Sinnlichkeit. Im weißen Zelt auf Kissenbergen wird relaxt der Lust gefrönt, während Softdrinks aus Büchsen gesüffelt werden. Dass auch der hier obwaltende Herzog von Dirk Böther gespielt wird (jetzt im Rainer-Langhans-Look mit Plastikschlappen, Paillettentop und Wuschelperücke), ergänzt das Grundthema von den fließenden Identitäten auf gekonnt-subtile Weise. Rosalinde liefert sich in der besagten Männerverkleidung herrliche Wortgefechte mit ihrem angebeteten Orlando (Sascha Werginz).

Die anderen Darsteller ergänzen wunderbare (nur manchmal alberne) Szenenminiaturen rund um Liebe, Lust und Wahn. Allen voran Gintas Jocius, der als lüsterner Jaques für seine melancholischen Weisheiten die meisten Lacher kassiert, während er im schwarzen Tüllbody lasziv die umgeschnallte Schnabel-Maske in den Lenden wippen lässt.

Weitere Termine: 18., 22., 27. September, Kartentelefon: 0551-495015.

Von Bettina Fraschke

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