Jan Josef Liefers überzeugte im Kasseler Kulturzelt mit Eigenkompositionen

„Liebe ist ein Rübenbeet“

Die Tageszeitung in der Hand als Aufhänger für ein Lied, in dem es um das Überangebot schlechter Nachrichten geht: Jan Josef Liefers beim Auftritt im Kasseler Kulturzelt. Foto:  Fischer

Kassel. Künstler, die ihre Doppelbegabung als Schauspieler und Musiker pflegen, werden gern kritisch beäugt. Aus derartiger Zuschauerskepsis hat sich Schauspieler Jan Josef Liefers („Tatort“) längst befreit – durch die Qualität von zwei wunderschönen, vielbeachteten Ostrock-Coveralben. Nun findet er zur Eigenkomposition zurück.

Die Show in Begleitung seiner Band Oblivion im ausverkauften Kasseler Kulturzelt ist ein Testballon für das Album-Projekt „Radio Doria – Freie Stimme der Schlaflosigkeit“. Viele Informationen gibt es noch nicht dazu. Liefers beschreibt es an diesem Freitagabend als Versuch, eine Reise über die Radioskala zu unternehmen. „Wir bewegen uns weiter“, versichert er, „Keine Songs mehr über meine Kindheit.“

Das könnte auch als Drohung taugen, halten die Fans in der Region seinen letzten Auftritt doch offenbar in guter Erinnerung, wie man an den Jubelschreien schon bei den Eröffnungsakkorden von Lifts „Mein Herz soll ein Wasser sein“, hört.

Doch nach den ersten Höreindrücken des neuen Materials weicht Überraschung schnell Überzeugung: Den Liedern gelingt es, sich eigenständig neben den Klassikern zu behaupten. Liefers beweist ein Ohr für melodisch-eingängigen Poprock, an dem nicht bloß die 80er-Jahre, sondern auch das Jahrzehnt nach dem Mauerfall Spuren hinterlassen haben. Die bemerkenswert frische Stimme des 49-Jährigen, die sich sicher in den Tiefen ausbreitet, aber erst in den Höhen wirklich zuhause ist, trifft auf Texte voll nachdenklicher, bisweilen zart-melancholischer Betrachtungen, die nie in Missmut abgleiten: Irgendetwas ist irgendwo halt immer noch nicht so, wie es sein sollte („Gib mir eine gute Nachricht“).

Für „Blutmond“ inspirierte ihn eine Mondfinsternis zu einer Bestandsaufnahme seines Lebens, auf „Mein Garten der Liebe ist ein Rübenbeet“ wird die Metaphernkanone durchgeladen. Bei alldem nimmt sich Liefers selbst nie zu ernst. Einmal rezitiert er ein Liebesgedicht zu sanften Klavierklängen und bricht am Ende fast vor Lachen ab („Weil meine Stimme so einen Prediger-Ton bekommen hat“). Donnernder Applaus.

Von Lennart Martens

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