Liebe als Überforderung: „Die Frau von früher" am Staatstheater Kassel

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Erinnerungen an früher - oder nur die Simulation davon: Caroline Dietrich als Romy Vogtländer, Dieter Bach als Frank.

Kassel. Das Eheleben ist eine Kiste voll Andenken: Die 19 Jahre alte Plastiktüte vom Besuch des Eiffelturms, der Seestern. Für zwei Menschen sind das Kleinodien, manifest gewordene Erinnerung an glückliche Zeiten.

Für andere nur staubiger Tinnef. Zentral steht der entsprechende Umzugskarton auf der schmalen Bühne des Kasseler Schauspielhauses in Johannes Schütz’ Inszenierung von „Die Frau von früher“ (auch Bühne). Die ausverkaufte Premiere am Samstag wurde heftig beklatscht. Roland Schimmelpfennigs Stück von 2004 beschäftigt sich mit der Frage, wie wir die Vergangenheit in der Gegenwart wirken lassen. Welchen Stellenwert hat etwa der Schwur, eine Liebe währe ewig?

Frank (Dieter Bach) hat genau das Romy Vogtländer (Caroline Dietrich) versprochen – in einem Liebessommer vor 24 Jahren. Längst ist er mit Claudia (Christina Weiser) verheiratet, Sohn Andi (Christoph Förster) ist fast erwachsen. Die Familie zieht nach Übersee, man packt in Trainingshose und Birkenstocks (Kostüme: Michaela Barth) Kartons. Auch Andi hat im Übrigen seiner Freundin Tina (Sabrina Ceesay) gerade gesagt, er liebe sie für immer. Wissend, dass er sie nicht wiedersehen wird.

In diesem Moment, so die Ausgangskonstellation des packenden, vielschichtigen und intelligent umgesetzten 90-Minüters, steht die titelgebende Frau von früher in der Wohnungstür und fordert Frank auf, die Familie zu verlassen und mit ihr zu kommen. Er habe ihr schließlich ewige Liebe versprochen.

Dieter Bach macht die totale Überforderung, die so ein Absolutheitsanspruch in uns erzeugt, spürbar. Er lacht aus vollem Hals auf Romys Liebesforderung – und lässt darin Verwirrung ebenso wie die ganze Nonchalance einer Gesellschaft mitklingen, für die „ewig“ mit größter Selbstverständlichkeit nur im Zeitfenster der üblichen seriellen Monogamie gilt. Später, als Romy überzeugt ist, dass Frank sich an ein verheißungsvolles Rendezvous erinnern kann, legt Dieter Bach ein Tremolo in die Stimme und lässt in seiner ganzen Haltung anklingen, dass man(n) dem Romantikbedarf der Frauen auch einfach entgegenkommen kann, indem man so tut, als erinnere man sich: Gefühlsmimikry. Ein großer Theatermoment.

Mit Liebe zum Detail

Auch die anderen Darsteller überzeugen: Caroline Dietrichs Romy umgibt Unschuld, wenn sie mit großäugigem Verwunderungsblick am ganzen Körper vibriert vor Vorfreude und später ins Leere stierend mordet. Stets fremd in unserer unverbindlichen Welt. Christina Weisers Claudia wechselt zwischen eisenharter Klarheit im Einfordern der Ehe und kiebigem Trotz. Wie Claudia aufgebracht durch den Flur stapft und sich unbewusst die letzte Nascherei aus dem rumliegenden Silberpapier einwirft, zeigt, wie detailgenau Schütz die Inszenierung ausgearbeitet hat.

Christoph Försters Andi ist noch unausgeformt weichlich, Sabrina Ceesays Tina dagegen verhärtet in ihrer Traurigkeit – die Figuren variieren die Grundthemen des zentralen Trios. Ebenso wie die (zu) vielen Zeitsprünge, die mit Knistersounds von Heiko Schnurpel untermalt die Szenenchronologie aufbrechen und Gewissheiten verschwimmen lassen. Erzählerisch erscheinen sie aber nicht immer notwendig.

Alles spielt sich auf der Vorbühne ab, einem schmalen weißen Wohnungsflur mit vier Türen. Wenn da ein Matchboxauto gezielt auf dem Fußboden platziert wird, kann das schlimme Folgen haben.

Nächste Vorstellungen im Kasseler Schauspielhaus am 5. und 10. April. Kartentelefon: 0561-1094-222. www.staatstheater-kassel.de

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