Liebe in Zeiten der Revolution

Schicksalhafte Begegnung: Anja Kampe und Johan Botha als Sieglinde und Siegmund. Foto: Nawrath

Klangzauber aus dem Orchestergraben, Stimmglanz bei den Solisten: „Walküre" in Bayreuth

Bayreuth. Zwei lebende Truthähne scharren auf der Bühne im Stroh, als sich Siegmund und Sieglinde hinter Hundings Haus begegnen. Und sorgen durch ihre Ungerührtheit dafür, dass die Szenerie ganz bodenständig wird. Geerdet. Ein schönes Gegengewicht zu den überirdischen Erschütterungen, die die Geschwister durchleben. Ihnen widerfährt die Liebe wie Blitz und Donner zugleich.

Anja Kampe und Johan Botha sind in der Bayreuther „Walküre“ diese liebenden Zwillinge – und das gefeierte Zentrum des zweiten Opernabends in Frank Castorfs Lesart des „Ring des Nibelungen“-Zyklus von Richard Wagner. Tosend wurden die beiden am Dienstag bejubelt, es schien fast, als schössen Anja Kampe einige Tränen ins Auge beim Verbeugen vor den begeisterten Rängen. Beide sind zum letzten Mal in diesem „Ring“ zu erleben. Der frisch berufene Musikdirektor Christian Thielemann hat für 2016 großflächig umbesetzt.

Mit welcher unangestrengten Mühelosigkeit und mit welchem Stimmglanz Anja Kampe und Johan Botha ihre Partien gestalten, wie sie zwischen zärtlich und entflammt, zwischen hoffnungsvoll und verzweifelt eine ganze Gefühlsbandbreite sängerisch erzählen, ist beeindruckend.

Kirill Petrenko formt den Orchesterklang dazu passend: erst ganz kammermusikalisch, manchmal leise bis an die Grenze der Hörbarkeit. Später, im dritten Akt, zückt er sein gewaltiges Instrumentarium des Klangzauberns und entzündet in rascher Folge überall musikalische Glanzlichter, leuchtet die Partitur bis in eine analytische Tiefe hinein aus, die die Musik sinnlich, aber nie auf effekthascherische Weise überwältigend werden lässt. Auch nicht beim „Walkürenritt“.

In diesem konventionellsten seiner „Ring“-Abende lässt Castorf dem Gefühlsgeschehen ausreichend Raum. Die Begegnungen und Dispute zwischen Siegmund, Sieglinde, Hunding (Kwangchul Youn mit düsterer Bassschwärze), Wotan (Wolfgang Koch, der stimmlich an diesem Abend vielleicht nicht ganz aus dem Vollen schöpfen konnte), Fricka (kämpferisch: Claudia Mahnke) und Brünnhilde (Catherine Foster mit feiner Sopranklarheit) werden ohne Brimborium ins Bild gesetzt – fast statisch.

Dabei nutzt Castorf die Drehbühne von Aleksandar Denic aus, der eine hölzerne Ölförderanlage aus dem vorrevolutionären Russland aufgebaut hat. Treppen, Plattformen, Arbeitsräume und ein schlichtes Tor ermöglichen variantenreiche Figurenanordnungen.

Mit Statisten und Einspielfilmen, die auf aufgespannte Leintücher und Holzwände projiziert werden, lässt Castorf im Hintergrund eine zweite Handlung mitlaufen: Erdölförderung und Arbeiteraufstände im Kaukasus der 1910er-Jahre, aufkommende sozialistische Ideale, es wird „Prawda“ gelesen, schließlich leuchtet der rote Stern über dem Förderturm. Für ihn entspricht das Öl als zentrale Ressource unserer modernen Gesellschaft dem mythischen Gold aus dem Nibelungenschatz der Vorlage.

Die Videos von Andreas Deinert und Jens Crull greifen den Stil der Stummfilmära auf – schwarz-weiß, mit übergroßen Gesten. Sie ermöglichen den Zuschauern, wie schon im „Rheingold“ wo sie als Roadmovie inszeniert waren, Blicke in aus dem Zuschauerraum nicht einsehbare Innenräume sowie Nahaufnahmen der Sänger. Diese ungewöhnliche Intimität fügt der Oper eine weitere Erzählebene hinzu.

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