Fantasievoll: Sascha Grammel ließ in der Kasseler Stadthalle die Puppen tanzen

Liebenswerter Sympath

Erfindet witzige Puppen-Charaktere: Sascha Grammel mit seiner Puppe Frederic Freiherr von Furchensumpf beim Auftritt in der Kasseler Stadthalle. Foto: Hedler

Kassel. Einen Artikel über den Entertainer und Puppen-Comedian Sascha Grammel zu schreiben, ist nicht schwer. Selbst wenn man sich intensiv auf die Suche begeben würde, würde man in seiner Show nichts entdecken, das sich für eine kritische Auseinandersetzung anbieten würde.

Bei seinem ausverkauften Auftritt in der Kasseler Stadthalle wucherte er mit seinen Pfunden, oder, wie diese Fähigkeit schon im Neuen Testament bei Lukas, Kapitel 19, Vers 26, gesehen wurde: „Wer da hat, dem wird gegeben.“ Neben seinen fachlichen Qualitäten als Bauchredner, Jongleur und Zauberer hat Grammel vor allen Dingen eines: Ausstrahlung.

Eine skurrile Kulisse, ähnlich der Märchen-Architektur des Auenlandes, dient ihm und seinen berühmten Handpuppen als fantasievolle Spielfläche, die sowohl die vielen kleinen Gäste als auch das ältere Publikum begeisterte. Bei Grammels Geschick, seinen ausdrucksstark konstruierten Protagonisten Leben einzuhauchen, wird man verleitet, diese als eigenständig agierende Mitspieler zu erleben.

Da wären zum einen Frederic Freiherr von Furchensumpf. Ein aufmüpfiger Selbstdarsteller im Zorro-Look, der Grammel schlagfertig in den Keller diskutiert und ihm klarmacht, wer hier eigentlich die Fäden in der Hand hält.

Schildkröte Josie hat Augen wie Spiegeleier, eine Stimme wie eine kleine Prinzessin, die die Kerzen vom Weihnachtsbaum nicht auspusten darf und sie verwechselt gern Heiraten mit Hai raten. Und wenn sie singt „Willst du mein Freund sein“ dann, ja dann kommen beim Publikum die Taschentücher zum Einsatz. Kitsch? Nein, das ist zu rührend für Kitsch. Perfekt getaktet doziert danach der schusselige Dr. Hacke als überdimensionaler Hamburger über wissenschaftlichen Unsinn, und bei Ursula, dem androgynen Antennen-Alien, wird es dann kryptisch.

Grammel ist ein bescheidener, liebenswerter Sympath, der ohne eine Spur von Arroganz dem Publikum eine Welt zeigt, die von Fantasie und Larmoyanz dominiert wird. Er präsentiert einen 90-minütigen Trip in das Reich der infantilen Gelassenheit, der wirkt wie ein Urlaub von allem, was wehtut. Großer Applaus.

Von Andreas Köthe

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