Einakter „La voix humaine“

Liebes-Scheitern als Genuss: Opernpremiere in Kassel

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Verzweiflung bricht sich Bahn: Nina Bernsteiner als „Femme“ in Poulencs „La voix humaine“.

Kassel. Wenige Komponisten können so in die menschliche Psyche leuchten wie Francis Poulenc. In dem Einakter „La voix humaine“ (Die menschliche Stimme) auf einen Text von Jean Cocteau ist die Gefahr in der scheinbar nach dem Schönen strebenden Musik allgegenwärtig. Jeder Moment kann die Katastrophe bringen in dem Telefonat, das die namenlose Frau (Femme) mit ihrem (Ex-)Geliebten führt.

Es wird eng für diese Frau, auch auf der Bühne. Regisseur Stephan Müller belässt ihr im ersten Teil des Kasseler Opern-Doppelabends, der am Samstag Premiere hatte, lediglich einen schmalen Raum vor einer weißen Wand. Ein Waschbecken, eine Matratze ein Schreibtisch - mehr bleibt ihr nicht (Bühne: Hyun Chu und Stefan Testi, Kostüme: Carla Caminati). Sie, deren einziger Lebensinhalt ihr Geliebter war, gibt nun ihr letztes Geheimnis und somit ihre Liebe preis: Sie gesteht ihren Versuch, sich umzubringen.

Schmerzhaft nahe kommen wir dieser Frau mittels Kameras, die ihre zitternden Hände, ihr Gesicht, das vollgekrakelte Foto des Geliebten in Großaufnahme einfangen. Grandios verkörpert wird die Unglückliche von Nina Bernsteiner, die mit wunderbar nuancenreicher Stimme die wachsende Verzweiflung dieser Figur offenbart. Doch damit nicht genug: Als stummes Double agiert Valeska Weber die Regungen dieser Verlorenen aus. Am Ende bleibt der wieder und wieder nachgezeichnete Satz „Je t’aime“ als hohl gewordene Phrase als Projektion stehen.

Regisseur Müller schafft hier auf faszinierende Weise zugleich Nähe und Beobachter-Distanz, während das Orchester unter der Leitung von Alexander Hannemann mit komplexen Klängen die Ambivalenz der Gefühle illustriert.

Ganz anders, großformatiger, klarer und expressionistisch geschärft ist die Musik von Béla Bartóks einziger Oper, „Herzog Blaubarts Burg“. Auch sie handelt vom Scheitern einer Liebe, doch das Regieteam tat gut daran, die beiden Opern in der Inszenierung nicht miteinander zu verknüpfen, sondern sie für sich stehen zu lassen.

Wie funktioniert Liebe? Herzog Blaubart (Espen Fegran) will nicht, dass Judith (Ulrike Schneider) seine Geheimnisse lüftet.

Finster und kahl ist die weite Bühne hier - und man spürt: Herzog Blaubarts Burg ist zugleich eine äußere wie eine innere Festung. Diese aber will Judith (Ulrike Schneider) schleifen, die dem finsteren Mann (Espen Fegran) aus Liebe gefolgt ist und nun vor sieben verschlossenen Türen steht.

Mal sanft betörend, mal schneidend und fordernd bringt Judith den widerstrebenden Blaubart dazu, eine Tür nach der anderen zu öffnen. Ulrike Schneider verleiht ihr mit großer stimmlicher Variabilität eine geradezu suggestive Überredungskraft. Als ihr Widerpart stattet Espen Fegran den geheimnisvollen Herzog mit viel Schwärze in der Stimme aus.

Symbolisch aufgeladene Objekte deuten die Räume hinter den Türen an: Ein herabfallender Speer etwa steht für die Folterkammer - und wird Blaubart zum Verhängnis werden. Alles ist groß dimensioniert. Die Schatzkammer zieht sich als Lamettavorhang über die Bühne. Die Weite hat hier denselben Effekt wie die Nähe im ersten Stück: Wir sehen genauer. Blaubarts Psyche liegt unter einem Vergrößerungsglas.

Wäre sie besser verborgen geblieben? Wenn sich hinter der siebten Tür Blaubarts frühere Frauen zeigen und alle Geheimnisse enthüllt sind, bleibt von den (und für die) Liebenden nichts übrig. Groß trumpft jedoch die Musik auf. Alexander Hannemann erweist sich als ihr feiner Organisator - schöpft das dramatische Potenzial aber nicht immer voll aus.

Das Publikum im ausverkauften Haus applaudierte ausgiebig nach jedem Stück.

Wieder am 8., 16. und 19.3., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

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