"Die Leiden des jungen Werther" für junge Leute

Liebesdrama mit Gefühlsüberschwang im Kasseler Staatstheater

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Liebes-Trio: Michaela Klamminger als Lotte (von links) , Hagen Bähr als Albert und Marius Bistritzky als Werther.

Kassel. Für ein junges Publikum inszeniert Janis Knorr am Kasseler Staatstheater „Die Leiden des jungen Werther".

Boah. Ey. Alter. Mann. Scheiße. Wird Johann Wolfgang Goethe dann jugendlich, wenn die Texte aus „Die Leiden des jungen Werther“ immer wieder mit solchen Jugendslang-Floskeln eingeleitet werden? Fraglich. Das wirkt eher wie Ranschmeiße an ein Publikum, dem man offenbar ebenso wenig zutraut, die Texte an sich ranzulassen, wie man den Texten selbst vertraut. „Boah! Sonne, Mond und Sterne können weiter ihre Wirtschaft treiben“, sagt dann etwa Marius Bistritzky als Werther. Mit Leucht-Edding kritzelt er Tags auf alle Wände, das sind diese Signaturen der Graffiti-Sprayer. „Ich“ steht darauf oder „froh“. Das kommt vom Eingangssatz: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“

Am Jungen Staatstheater in Kassel inszeniert Janis Knorr für ein Publikum ab 14 Jahren eine eigene Dramenfassung von Goethes Briefroman, in der der überschwänglich Verliebte dann auch mal mit der angebeteten Lotte (Michaela Klamminger) und deren Verlobtem Albert Fernsehen schauen soll. 70-Zoll-Bilddiagonale, ey. Die Premiere mit Rockgitarrensound und fiebrigem Bassgewummer von Thorsten Drücker am Sonntag wurde lange beklatscht.

Es gibt witzige Gags in diesem hochtourigen Spektakel, bei dem Bistritzky die Stimme an den Rand des Schreiens erhebt, wenn deutlich gemacht werden soll, dass es nun noch einen Tick gefühlvoller wird.

So überzeugt eine Szene, in der Werther und Lotte den „Titanic“-Film nachspielen. Es geht darum, dass sie einander nah sind, im Strom ihrer Gefühle vereint, auch wenn sie dann im aufbrandenden Balladenkitsch von Celine Dions „My Heart Will Go On“ die Stimmung kippen lassen und alles ins Lächerliche ziehen. Das ist in diesem Moment ein Spiel der Figuren, in dem die beiden sich etwas von der eigenen Liebesaufwallung distanzieren müssen – die Frage bleibt aber, ob ein 19 Jahre alter Film das richtige Vehikel ist, wenn man partout Identifikationspunkte für heutige Jugendliche schaffen will.

Witzig ist auch Hagen Bährs erster Auftritt als Albert. Er springt aus einer Gartenmöbel-Abdeckplane heraus, unter der eine Hollywood-Schaukel steht. Toller Knalleffekt (Ausstattung: Ariella Karatolou).

Hier zeigt sich aber drängend das zweite Grundproblem der Inszenierung: Geht man mit den Figuren ironisch oder ernsthaft um? Die Haltung hierzu bleibt unklar, wurde offenbar nicht ausgearbeitet. Albert mit den orangerosa Haaren wird als Witzfigur vorgestellt und über weite Strecken nicht ernst genommen. Lottes und Alberts Paarseligkeit ist eine törtchen-mümmelnde Spießerfarce. Ironie muss aber irgendwo hinführen, man muss mit ihr etwas wollen. Michaela Klamminger darf Lotte dann wiederum echte Nachdenklichkeit geben („Lasst uns Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen“). Und auch in einem Dialog zwischen Werther und Albert über Selbstmord scheint Wahrhaftigkeit auf, die gar kein „ey, Alter“ benötigt.

Wieder am 17.9., 8., 14., 20.10., Karten unter Tel. 0561/1094222.

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