Liebespoesie: Lesung in der Caricatura

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Pfeilgenau trafen sie den Inhalt: Nina Petri und Christian Maintz trugen in der Caricatura Erotisches vor.

Kassel. Zwei lesen sich durch komische Liebespoesie. Der eine, Germanist Christian Maintz, hat diese Anthologie mit 160 Gedichten herausgegeben und leitet durch den Caricatura-Abend beim Komik-Kolloquium.

Ror Wolf, der Verseschmied, ist 80 Jahre alt, auf Lesungen gefahren ist er häufig. Doch nie, sagt er, habe er dieses frühe Gedicht vorgetragen, da hätte er sich geschämt. Nina Petri dagegen: Sie schaut heiter ins Publikum und liest sich hinein in das erotische Gedicht.

„Die Pflege der Geselligkeit“ über ein ausschweifendes Gelage, lässt die Stimme von arroganter Noblesse und Weinerlichkeit steigern bis hin zum zuckenden, rauschenden Orgasmus der sich sehnenden Witwe. So viel Temperament, schauspielerische Brillanz, hinreißend.

Immer mit einem Schmunzeln erzählt Maintz von den vielen Schriftstellern und Lyrikern, die sich dieses ungewöhnlichen Genres angenommen haben.

Ja, viele Männer, aber weniger Frauen, die letzteren sind härter und strenger bei ihrer Kunst. Der Dozent an der Hamburger Medienakademie teilt Erotik und Dichtung vom 19. Jahrhundert bis in die Jetztzeit sorgsam auf und bündelt sie thematisch. Da spürt man den engagierten Literaturwissenschaftler.

Nina Petri mit Sex-Appeal auf dem Podium, eine anerkannte, vielfach ausgezeichnete Schauspielerin, sorgt für das ganz Nahe, das Mitreißende, mit einer Stimme, die pfeilgenau den Inhalt trifft, sich ausbreitet in den Nuancen, mit Witz in der Performance.

Gleich zu Beginn nehmen die beiden ihr Publikum unter Dauerbeschuss: Mit Vier- oder Zweizeilern von Heine bis Wilhelm Busch und Robert Gernhardt. Komisch-Verspieltes gibt es zu hören, Melancholisch-Hintersinniges, Deftiges und Heftiges wie im Reim von Kurt Schwitters „Meine süße Puppe / mir ist alles schnuppe / wenn ich meine Schnauze / auf die deine bautze“.

Der Eros mit einer Lachträne im Auge ist den Applaus wert: Besonders, wenn Petri auf den Spuren von Udo Lindenberg das Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner singt und mit der Hand auf dem Tisch trommelt. Oder wenn Maintz das wohl berühmteste Liebesgedicht von Ringelnatz „Ich hab Dich so lieb“ zum Besten gibt. Komische Liebespoesie ist auch Wehmut und Erkennen.

Komik-Kolloquium am Mittwoch, 20 Uhr, Kunsttempel, Fr.-Ebert-Straße 177: 3durch3 mit Franzobel, Ulrich Holbein und Wolfram Lotz.

Donnerstag, 14 Uhr, Tagungszentrum Kulturbahnhof, Auftakt Tagung „Komik und Religion"

20 Uhr, Stadtbibliothek, Felicitas Hoppe.

Von Juliane Sattler

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