Liebesversuch in der Spieluhrwelt

Kassel. Im Königreich Popo wird das Volk bei Bedarf per Hebebühne ins Angesicht des Herrschers gefahren. „Sei zufrieden“, singt es mit hellen Stimmchen, „wer nicht Sorgen hat, ist tot.“

Erst sehen die Zuschauer nur die Hinterköpfe der Untertanen, die mehrfach überraschend aus dem Graben vor der Bühne auftauchen.

Bis sich die Menschlein in ihren Fräcken umdrehen und man in ihre fahlen Gesichter schaut. 16 Kinder, zu geisterhaften Erwachsenen geschminkt. Grusel in Grau.

Ein berührender, starker Effekt in Thomas Bockelmanns Inszenierung von Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“, das bei der Premiere am Samstag im ausverkauften Kasseler Schauspielhaus mit rhythmischem Applaus gefeiert wurde. Bockelmann gibt einerseits der shakespearehaft großartigen Textvorlage mit ihren gemeißelten Sprachbildern (Leonce: „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal“) und ihrem abgründigen Witz genügend Raum zu leuchten. Dazu stellt er die beunruhigenden Untertöne der Vorlage von 1836 in den Vordergrund.

Prinz Leonce vom Reiche Popo und Prinzessin Lena vom Reiche Pipi wollen ihrer angeordneten Verheiratung entkommen. Auf der Flucht verlieben sie sich unbekannterweise. Verkleidet kehren sie an den Hof Popo zurück, wo der König sie verehelicht - es geschieht also doch genau das Vorherbestimmte.

Mit einem puppenstubenkleinen Klavier in der Hand eröffnet Bühnenmusiker Dirk Raulf den Abend. Auf den Minitasten schlägt er eine Spieluhrmusik an, zu der sich bald das ganze Ensemble marionettenhaft im Kreise dreht (Choreografie: Lillian Stillwell). Wie frei ist der Mensch?

Wie ein Strippenzieher bleibt Raulf im Hintergrund sichtbar. Wenn die Figuren einander zuprosten, erklingen die Gläser nicht selbst. Er schlägt die Triangel dazu an.

Der Lebensversuch in der Spieluhrwelt läuft ins Leere. Selbst der vermeintliche Ausbruch hin zur Liebe wird hier von anderswo dirigiert. In Gralf-Edzard Habbens überzeugendem Bühnenbild spielt sich Liebesglück auf einem grüngrauen Hügel ab, während die höfische Welt im Kasten mit rotem Vorhang direkt darunter dauerpräsent bleibt.

Björn Bonn kann als gelangweilter Prinz Leonce kaum den Kopf aufrecht halten, der Überdruss nagt sich durch seinen Körper, am liebsten lümmelt er in Lederjacke und mit trendiger Bundfaltenhose (Kostüme: Wiebke Meier) auf dem Boden. In kurzzeitigen Aktivitätsausbrüchen kugelt er herum wie ein Welpe.

Anna-Maria Hirsch macht mit dem knappen Text ihrer Lena deutlich, dass deren Sprache eigentlich zu groß ist für die karge Lebenserfahrung der hinter Mauern aufgewachsenen Königstochter. Spätpubertäre Frechheit lauert hinter altkluger Besserwisserei.

Leonces Gefährte Valerio ist bei Uwe Steinbruch ein abgehalfterter Poet im speckigen Mantel, der augenrollende Zoten absondert und doch tiefe Lebensklugheit besitzt.

Anke Stedingk sorgt als Leonces Geliebte Rosetta und Lenas Gouvernante für tragische Momente, und Bernd Hölscher und Aljoscha Langel bieten in zahlreichen Rollen des Hofstaats köstlichen Slapstick.

Jürgen Wink gestaltet den Popo-König Peter als wunderbar vergeistigten Philosophen, der würdevoll Strumpfhalter trägt und am liebsten nur noch denken will. Und die Kinder-Untertanen imitieren seine künstlichen Freude-Gesten wie die Roboter.

Wieder am 25., 29.9., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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