Konstantin Wecker mit seiner „Leben im Leben“-Tournee in Wolfhagen

Das Lied wird zum Gebet

Er bleibt ein Kämpfer: Konstantin Wecker erwies sich wieder mal als beißender Kritiker und bekennerhafter Poet. Archivfoto: picture-alliance

WOLFHAGEN. So einer wie er ist nicht gemacht für den höflichen Anfang. Lieber wirft er sich in seinen ersten Song wie ein um sein Leben Kämpfender, singt für alle, die noch nicht angepasst sind, die auf der Suche sind. Konstantin Wecker auf seiner neuen Tournee „Leben im Leben“ hat die Kraft, die Ironie und den rebellischen Ton, der stets seine Lieder ausmachte, nicht verlernt.

Doch ein wenig altersweiser ist er wohl geworden: Wie gut für ihn, meint er, früher habe man ihm immer vorgeworfen, er sei mit seinen Songs „nicht kongruent“. „Die Kritiker“ hatten Recht, bestätigt er von der Bühne in der voll besetzten Kulturhalle in Wolfhagen herab, „ich musste mich meinen Texten annähern, doch im Alter ist das einfacher“.

Der Mann ist 62 Jahre alt, und sein Blick zurück auf die letzten vierzig Jahre zeigt ihn erneut als brillanten Musiker, kreativen Kopf und beißenden Kritiker an den herrschenden Verhältnissen im Land. Zusammen mit seinem langjährigen Partner Jo Barnickel, der virtuos zugleich Keyboard und Klavier bedient, mäandert seine Bühnenshow zwischen Klassik und Jazz, Rock und Blues.

Ja, es sind schon die alten Wecker-Lieder, die er singt, sein „Genug ist nicht genug“, „Der alte Kaiser“ oder „Du, ich lebe immer am Strand“, aber er nimmt ein wenig Pathos weg, ersetzt es durch lustvolle Ironie, intoniert frei, fast wie beim Scat-Gesang, und steht auch mal mit dem Fuß auf seinem Klavier. „Alle meine Lieder sind aus meinem tiefsten, inneren Erleben entstanden“, sagt er irgendwann zwischendurch und ist dann auch mit einem seiner neuen Songs ganz bekennerhaft.

„Was keiner wagt, das sollt ihr wagen“, wird bei dem anarchischen Liedermacher fast zum Gebet, immer noch der Glaube daran, dass die Welt zu verbessern sei. Bei aller schlitzohriger Verweigerung ist der Musiker aus München eben auch ein poetischer Triebtäter: Schön sind seine Texte, Wort-schillernd, aber auch Blitze schleudernd wie beim musikalischen Angriff auf „Kriegsminister“ zu Guttenberg („Gutti bringt das Land voran“) oder die getunten Senioren.

Schon so lang auf dem Weg

Zum Schluss holt er dann noch seinen Liedermacher-Kollegen Hannes Wader auf die Bühne. Mit ihm wird er auf Tournee gehen, mit ihm singt er in einem melancholischen Duo seinem Publikum zu: „Bin auf dem Weg, schon so lang“. Zwei Künstler, die sich im mainstreamigen Musik-Geschäft Anspruch und Profil erhalten haben. Das Publikum applaudiert, bis Konstantin Wecker nach einigen Zugaben und einem rasanten Musikmix aus Klassik und Volkslied die Bühne verlässt. Keine Spur von Erschöpfung, eher schwebend leicht.

Von Juliane Sattler

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