Liedermacher Funny van Dannen verprügelt im Traum Wolfgang Schäuble

Für Charlotte Roche ist Funny van Dannen „Deutschlands bester Songwriter". Auf seinem neuen Album „Come On - Live im Lido" singt der Berliner unter anderem über schwule Fußballer.

Herr van Dannen, ist Fußball-Bundestrainer Jogi Löw schwul? 

Funny Van Dannen: (lacht) Das weiß ich nicht. Es ist mir auch komplett egal.

Auf Ihrem neuen Album deuten sie das an. Sie singen auch: „Das Geheimnis von Fußball ist latente Homosexualität.“ 

Van Dannen: Ich singe über Homosexualität und Fußball, weil ich es für einen unsäglichen Zustand halte, dass Leute, die schwul sind, damit immer noch hinter dem Berg halten müssen. Aber ich oute niemanden. Das soll der Bundestrainer selbst tun - oder eben nicht.

Sie wären selbst fast einmal Profikicker geworden. Die Karriere scheiterte an einer zu hohen Ablösesumme. Trauern Sie dem noch nach? 

Van Dannen: Gar nicht. Meine Muskulatur war immer anfällig. Ich wäre kein stabiler Typ geworden. Ich war auch nie der talentierte Überflieger, sondern eher das Arbeiterkind, das malochen muss. Das ist bis heute so. Ich glaube nicht an Genies. Das schlampige Genie wird es niemals weit bringen.

Ihr neues Album haben Sie trotzdem wie ein schlampiges Genie live aufgenommen. Haben Sie nicht mal Lust auf ein fett produziertes Studioalbum? 

Van Dannen: Da hätte ich schon Lust drauf, aber man kann sich die Leute nicht mal schnell zusammensuchen. Der Auftritt im Berliner Lido sollte gar nicht unbedingt eine Platte werden, aber dann wurden es zwei schöne Abende. Ich mag an Live-Alben das Pure, die Stimme, die Gitarre, das Publikum. Das ist ein Urzustand.

Ein Lied handelt davon, wie Sie Wolfgang Schäuble im Albtraum verprügeln. Was haben Sie gegen den Finanzminister? 

Van Dannen: Er ist ein ganz mieser Strippenzieher, der für die großen Unternehmen arbeitet und sich nicht für die Interessen der kleinen Leute interessiert. Er ist der heimliche Kanzler, der dafür sorgt, dass die Lobbyarbeit der Wirtschaft Früchte trägt.

In „Wir Deutschen“ stellen Sie erstaunt fest, dass „deutsche Herzen nicht mehr rau wie Stein“ seien. Sind wir Deutsche bessere Menschen geworden? 

Van Dannen: Ich glaube schon, dass die Deutschen sich verändert haben. Sie sind weltoffener geworden. Durch die 68er hat sich im sozialen Bereich einiges getan. Im globalen Maßstab stehen die Deutschen gar nicht so schlecht da. Das erstaunt viele aus meiner Generation, die früher alles Deutsche beschissen fanden. Allerdings lässt es sich in unserem Wohlstand leicht ein besser Mensch sein.

Bundeskanzlerin Angela Merkel werfen Sie vor, sich nur nach Umfragen zu richten. Dabei ignoriert sie bei der Flüchtlingspolitik ja gerade alle Umfragen.

Van Dannan: Ich glaube, sie handelt immer ganz kalkuliert. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob die Entscheidung für die Flüchtlinge vor einem Jahr die pure Menschenfreundlichkeit war. Vielleicht hat ihr damals jemand eingeflüstert, das sei gerade günstig. Die ist genauso durchtrieben, wie es Helmut Kohl war und profitiert davon, dass sie immer noch unterschätzt wird. Das sind pure Machtmenschen, die alles tun, um ihre Macht zu halten. Aber bei aller Kritik an der Frau muss man sagen, dass die vergangenen Jahre ganz okay waren. Es hätte viel schlimmer kommen können. Ich würde ich sie nicht einmal im Traum verprügeln (lacht).

Glauben Sie daran, dass man mit Musik die Welt verbessern kann? 

Van Dannen: Jeder gute Song kann die Welt verbessern. Jeder Mensch kann die Welt verbessern, wenn er etwas Gutes tut. Wenn im Superparkt eine freundliche Kassiererin sitzt und niemand, der die Leute anschnauzt, dann verbessert das die Welt im Kleinen. Jeder ist im Alltag dafür verantwortlich, dass wir ein besseres Leben haben. Fängt man aber damit an, die Welt im Großen und Ganzen verbessern zu wollen, ist das zum Scheitern verurteilt.

Ihr berühmtestes Lied („Bayern“) haben die Toten Hosen zum Hit gemacht. Ärgert es Sie, dass andere für Ihre Songs gefeiert werden? 

Van Dannen: Überhaupt nicht. Ich bin kein neidischer Mensch. Für mich war das übrigens auch gar kein Bayern-Hass-Lied. Mir ging es eher um vergeudete Spielerpotenziale, wenn ein Verein wie der FC Bayern talentierte Spieler kauft und dann auf der Ersatzbank versauern lässt. Ich bin kein Bayern-Hasser.

Was haben Sie gedacht, als Uli Hoeneß vom FC Bayern über das Lied sagte, das sei der Dreck, an dem unser Land zugrunde gehe?

Van Dannen: Ich dachte: Da spricht der Dreck vielleicht selbst.

Funny Van Dannen: Come On - Live im Lido (JKP/Warner). Wertung: Vier von fünf Sternen:

Funny van Dannen: 2. Dezember Marburg (KFZ). 3. Dezember Göttingen (Musa).

Zur Person

Geboren:  am 10. März 1958 in Tüddern (Niederlande, heute Nordrhein-Westfalen) als Franz-Josef Hagmanns

Ausbildung: Grafikdesigner Beruf: Musiker (ganz früher bei den Lassie Singers), Maler und Schriftsteller

Anfänge als Musiker:  Als Heino-Parodist im Karneval

Die Kunst: 1978 zog er nach Berlin, um Maler zu werden - mit mäßigem Erfolg. Van Dannen sagt: „Der Kunstbetrieb kotzt mich an.“ Auf der Kasseler documenta war er noch nie.

Privates: Vater von vier erwachsenen Söhnen. Lebt mit seiner Familie in Berlin.

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