Literarisches Kabarett Herrenzimmer präsentierte das 30er-Jahre-Programm „Alles außer Emil“

Satirisch, aber auch schelmisch: Wolfgang Weigand (von links), Gerd Dahmen, Bernd Kaun und Markus Zosel bilden das literarische Kabarett Herrenzimmer, das seit einem Jahr besteht. Foto:  Wienecke

Baunatal. Der Titel des Programms „Alles außer Emil“ klingt eigentlich ganz harmlos. Er zielt aber darauf ab, dass die Bücher des Schriftstellers Erich Kästner in der NS-Zeit verboten und verbrannt wurden; nur sein Kinderbuch „Emil und die Detektive“ blieb zunächst davon verschont.

Die literarische Kabarett-Gruppe Herrenzimmer präsentierte in der gut gefüllten Aula der Erich-Kästner-Schule (EKS) in Baunatal auf Einladung des Fördervereins Texte verbotener Autoren aus der Zeit um 1933. Wolfgang Weigand, Gerd Dahmen und Bernd Kaun haben früher selbst an der Schule unterrichtet. Markus Zosel, der Mann am Flügel, ist dort noch aktiv.

Aus dem EKS-Lehrerkabarett, das von 1998 bis 2008 bestand, ist vor einem Jahr das Herrenzimmer hervorgegangen. Chansons, Texte, eine Rundfunkreportage und gespielte Szenen führen die 170 Zuschauer nach Berlin, in eine Großstadt mit Kinos, Varietés und Kabaretts, über der bereits dunkle Wolken aufziehen. Scheinbar harmlos klingt so mancher Liedtext, wie der vom Gorilla, der eine Villa im Zoo hat, aber von Politik zum Glück nichts weiß. Friedrich Hollaender mahnt da in „Höchste Eisenbahn“ bereits deutlicher.

Die Flammen ergreifen schließlich unter vaterländischen Weisen und Marschmusik im Mai 1933 Besitz von Büchern von Autoren wie Kurt Tucholsky und Stefan Zweig, die sich später das Leben nehmen werden.

Erika Mann, Tochter von Thomas Mann, gründet das Kabarett Pfeffermühle. „Im Lügenland darf niemand mehr die Wahrheit reden. Wer immer lügt, dem wird man glauben“, heißt es bei ihr. „Die Bäume werden geschult, damit sie wissen, was ein Baumstamm ist und was ein Stammbaum“, wird Werner Finck zitiert, der sich weigert, eine Hitler-Eiche zu erwerben, die 1000 Jahre alt werden könnte. „Lebewohl, gute Reise“, sogar die Comedian Harmonists dürfen schließlich nicht mehr auftreten, und „Emil und die Detektive“ wird zur Bückware. Langer Applaus, zwei Zugaben mit einem charmanten Märchenausblick auf das Grimm-Programm im nächsten Jahr.

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