Rückblick

Literaturjahr 2014: Reife Romane über kleine Inseln

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Ein fulminantes Debüt, Befreiungsschlag für Suhrkamp, Protest gegen Amazon - wir blicken aufs Geschehen in der Buchbranche und Literaturszene zurück.

Kritiker Denis Scheck („Druckfrisch“) hadert oft mit Jury-Entscheidungen. „Die wirklich guten“ Schriftsteller bekämen selten Preise, klagt der 50-Jährige. Kafka, Joyce, Nabokov - sie alle starben ohne Nobelpreis. „Offenbar ist es nicht so einfach, Größe in der Gegenwart zu erkennen.“

Um die 1000 Literaturpreise gibt es in Deutschland. Die Jury des erstmals vergebenen Bayerischen Buchpreises, in der Scheck Mitglied ist, tagt vor Publikum, um ihre Wahl plausibel zu machen. Und einigt sich auf „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche.

Das ist nun wirklich keine Überraschung. Hettches Roman, der aus Sicht der Zwergin Marie - Schlossfräulein auf der Havel-Insel - ein Panorama des 19. Jahrhunderts entwirft, war schon auf der Buchpreis-Shortlist und bekam den Wilhelm-Raabe-Preis in Braunschweig. Eines der Bücher des Jahres.

Das Debüt des Jahres glückt dem Lyriker Lutz Seiler mit seinem ersten Roman. Auch er spielt auf einer Insel: Der 51-Jährige erzählt das Ende der DDR von ihrem äußersten Rand her, zeichnet mit seiner Aussteigergeschichte „Kruso“ den Sommer 1989 in einer Kneipe auf Hiddensee nach. Seiler bekommt verdient den Deutschen Buchpreis.

Der Literaturnobelpreis 2014 sorgt bei Kritiker Scheck für Freude: „Man darf dem Komitee zu dieser klugen Wahl Glückwunsch sagen.“ Die melancholischen, sprachlich präzisen Spurensuchen des Franzosen Patrick Modiano, oft im besetzten Paris, sind einer breiten Leserschaft kaum bekannt, für Insider war der 69-Jährige ein Geheimtipp.

Eine beliebte Preisträgerin vergangener Jahre, Sibylle Lewitscharoff, katapultiert sich wohl erst mal aus allen Preisvergaben. In einer Rede zur Reproduktionsmedizin in Dresden bezeichnet sie Retortenkinder als „Halbwesen“. Auch die Kasseler Universität, deren Grimm-Professur die 60-Jährige innehatte, distanziert sich in einem Ton, als habe das Werk der Schwäbin plötzlich jede Geltung verloren.

Mit Lust Debatten angestoßen und provoziert hat in seinem Feuilleton und als Autor („Payback“, „Ego“) FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Er erliegt erst 54-jährig den Folgen eines Herzinfarkts. Schirrmachers Impulse werden fehlen.

Verzichten kann die Literaturszene auf Rechtsstreitigkeiten in Sachen Suhrkamp. Nach einer beispiellosen Prozessflut entscheidet das Bundesverfassungsgericht: Der traditionsreiche, insolvente Verlag kann zur Aktiengesellschaft umgebaut werden, Verlegerin Ulla Unseld-Berkewicz hat ihren Widersacher Hans Barlach  endgültig kaltgestellt. Der Miteigentümer kann nicht mehr ins Alltagsgeschäft eingreifen. Ein Befreiungsschlag.

Ein anderes Dauerthema der Branche: Amazon. Über 2000 Schriftsteller werfen dem Internetriesen „unfaire Geschäftspraktiken“ wie manipulierte Empfehlungslisten und verzögerte Auslieferungen vor. Das Ziel: höhere Rabatte. Der US-Literaturagent Andrew Wylie rät in der FAZ: „Wenn Sie die Wahl haben zwischen Amazon und der Pest: Wählen Sie die Pest.“

Preisträger 

Die wichtigsten Auszeichnungen 2014 gingen an Jürgen Becker (Büchner-Preis), Tex Rubinowitz (Ingeborg-Bachmann-Preis), Sasa Stanisic (Preis der Leipziger Buchmesse) und Jaron Lanier (Friedenspreis des Deutschen Buchhandels). Buchpreis-Finalistin Gertrud Leutenegger erhielt den Roswitha-Preis in Bad Gandersheim, Ilja Trojanow übernahm die Kasseler Grimm-Professur. Amos Oz bekam den ersten, mit 50 000 Euro dotierten Siegfried-Lenz-Preis, an dessen Stifter und Namensgeber, den großen, am 7. Oktober gestorbenen Schriftsteller, die Verleihung alle zwei Jahre erinnern soll. Auch die Nobelpreisträger Nadine Gordimer (90) und Gabriel García Márquez (87) starben. (vbs)

Von Mark-Christian von Busse

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