Literaturjahr 2015: Das Buch ist noch nicht tot

Außenseiter gewinnen Preise, Schlussstrich bei Suhrkamp und das Ende einer Ära - wir geben eine Übersicht, welche Autoren und Bücher 2015 Schlagzeilen gemacht haben.

Bücher in den Schlagzeilen 

Der kontrovers diskutierte Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq über einen islamischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 erscheint am Tag des Attentats auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“in Paris, bei dem zwölf Menschen sterben. Houellebecq ist auf dem Cover.

Ihr Debüt „Altes Land“ katapultiert die unbekannte Dörte Hansen in die Bestsellerlisten. Den Traum, ein Buch zu schreiben, hatte sie länger. „Als ich auf die Fünfzig zuging, dachte ich: Jetzt oder nie!“ Es ist der Überraschungserfolg des Jahres.

Mehr als 50 Jahre nach dem Welterfolg „Wer die Nachtigall stört“ erscheint der zweite Roman der Pulitzer-Preisträgerin Harper Lee, „Geh hin, stelle einen Wächter“. Fans sind schockiert: Eine Hauptfigur, einst das moralische Gewissen der USA, entpuppt sich als Rassist.

Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Tod von Stieg Larsson gibt es einen vierten Band der Millennium-Krimireihe: der Thriller „Verschwörung“ vom Schweden David Lagercrantz. Alte Freunde von Larsson sprechen von „Grabschändung“.

Abschiede 

Abschied: Günter Grass starb mit 87 Jahren.

Mit dem Tod von Günter Grass (87) endet am 13. April eine Ära. „Ein wahrer Gigant“, schreibt Schriftsteller Salman Rushdie über den Literaturnobelpreisträger, der stets als mahnende Instanz gesehen wurde. Vorbei sei „das alte Modell des moralischen Zeigefingers“, sagt der Berliner Literaturwissenschaftler Jürgen Brokoff. Autoren heute träten nicht mit seinem „Überlegenheitsgestus“ auf. Grass’ letztes Buch „Vonne Endlichkait“ erscheint im August. Abschied nimmt die Literaturwelt auch von Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt, den Kritikern Fritz J. Raddatz und Hellmuth Karasek und Krimi-Autor Henning Mankell.

Ruhiges Fahrwasser 

Gebet in der Paulskirche: Navid Kermani. Fotos:  picture-alliance

Nach langem, spektakulären gerichtlichem Streit wird Suhrkamp in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Minderheitsgesellschafter Hans Barlach wird entmachtet. Bei Suhrkamp kehrt Ruhe ein. Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück und wechselt an die Spitze des Aufsichtsrats. Neuer Vorstandschef des Traditionshauses wird der bisherige Geschäftsführer Jonathan Landgrebe. Barlach stirbt am 15. Juli mit 59 Jahren an einer Lungenentzündung.

Preise und Ehrungen

Ausgezeichnet: Büchner-Preisträger Rainald Goetz.

Eine überfällige Ehrung: Der Georg-Büchner-Preis geht für die „einzigartige Intensität“ seines Schaffens an den „Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur“ Rainald Goetz. Seine Dankesrede beendet er mit einem Zitat der Wiener Band Wanda: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore, Amore!“ Als erster Lyriker erhält Jan Wagner („Regentonnenvariationen“) den Preis der Leipziger Buchmesse. Nora Gomringer bekommt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ein Außenseiter aus Offenbach erhält den Deutschen Buchpreis: Frank Witzel. Der 1000-Seiten-Roman des 60-Jährigen (der am 14. Januar beim Literaturbüro in Kassel lesen wird) trägt den sperrigen Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels bittet der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani zum Gebet. Seine Rede rührt viele zu Tränen.

Literaturnobelpreis 

Nobelpreis: Swetlana Alexijewitsch wurde geehrt.

Die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch (67, „Secondhand-Zeit“) bekommt als 14. Frau den wichtigsten Literaturpreis der Welt. Ihr Werk setze „dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal“, urteilt die Schwedische Akademie. Kritiker Denis Scheck rühmt die „Jägerin des verlorenen O-Tons der Geschichte“, seine „Zeit“-Kollegin Iris Radisch findet, ihre Interviews erfüllten „Kriterien eines sehr guten Journalismus“. Literatur aber müsse etwas Schöpferisches haben, eine „eigene imaginative und weltverwandelnde Kraft“. Das sei bei Alexijewitsch nicht der Fall.

Self-Publishing 

Self-Publishing-Plattformen ohne Lektorat und professionelles Marketing sind eine große Konkurrenz für etablierte Verlage. Als erste Autorin schafft Poppy J. Anderson (32, Make Love und spiel Football“, „Küss mich, du Vollidiot“) als erste deutsche Autorin eine Million im Selbstverlag verkaufte Bücher. Manche Verlage gründen selbst entsprechende Plattformen, um Autoren zu gewinnen, und als kostenlose Marktforschung.

Das Buch selbst hat nicht ausgedient. Bibliotheken mit täglich 700 000 Besuchen und 470 Mio. ausgeliehenen Medien im Jahr sind beliebt wie nie. 83 Prozent der Deutschen lesen Bücher. Digitale Bücher kommen auf 5,6 Prozent Marktanteil. Die Wachstumsdynamik stagniert. Der schon totgesagte klassische Buchhandel hat 49,2 Prozent des Umsatzes und entwickelt sich besser als der Internethandel.

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