Live-Erlebnis zählt: Eröffnungskonzert der Kasseler Musiktage

Solist der Extraklasse: Der Cellist Jérôme Pernoo spielte mit der Jungen Deutschen Philharmonie und Paul Goodwin. Foto: Zgoll

Kassel. Ein besseres Plädoyer für Livekonzerte gegenüber Musikkonserven könnte es kaum geben: Das Eröffnungskonzert der Kasseler Musiktage mit der Jungen Deutschen Philharmonie und ihrem Dirigenten Paul Goodwin zählte zu den raren Momenten, in denen Zuhörer glauben, Kompositionen bei ihrer Entstehung zu erleben. Auch so erfüllt sich das Musiktage-Motto „Im Augenblick der Ewigkeit“.

Das Cellokonzert des neapolitanischen Komponisten Nicola Porpora ist mit seinem stimmungsvollen, an Gambenmusik erinnernden Beginn und dem rasanten zweiten Satz ein reizvolles Werk. Dennoch: Wie viel würde verloren gehen, wenn man eine Platte hörte und nicht, wie hier, den Solisten Jérôme Pernoo erleben könnte? Ein Musiker, der seinen Solopart nicht nur mit staunenswerter Technik und mit wunderbar dunklem Ton gestaltet, sondern die Musik emotional auf mitreißene Weise lebt?

Dafür dankten ihm die 850 Zuhörer in der Kasseler Martinskirche - und erklatschten als Zugabe die Allemande aus der vierten Solosuite von Johann Sebastian Bach.

Jugendorchester wie die Junge Deutsche Philharmonie, in der die besten Studierenden der deutschen Musikhochschulen spielen, zeichnen sich oftmals durch besonders frisches Spiel aus. Doch dies allein machte nicht die Qualität des Eröffnungskonzerts aus. Mit seinem Dirigenten Paul Goodwin, einem ausgewiesenen Spezialisten für Alte Musik, hat das Orchester einen beinahe kammermusikalischen Musizierstil entwickelt, bei dem nicht vom orchestralen Gesamtklang her gedacht wird, sondern von den einzelnen Instrumenten und Instrumentengruppen.

Beim Eingangsstück, der Ouvertüre zur Oper „Les Boréades“ von Jean-Philippe Rameau, waren es die beiden Naturhörner, die mit ihrem hellen, schlanken Klang dem Stück das Gepräge gaben. Und bei Joseph Haydns Sinfonie Nr. 82 „Der Bär“ waren es Akzentuierungen wie das Hervorheben der Fagott-Orgelpunkte im ersten Satz, die Haydns leichten Hang zur Skurrilität illustrierten und auf das „bärige“ Finale mit seinen bewussten klanglichen Grobheiten vorbereitete

Unter der animierenden Leitung von Goodwin wurde auch Mendelssohns vierte Sinfonie, die „Italienische“, zum Erlebnis. In ungewohnter Sitzordnung (erste und zweite Violinen vertauscht, Bässe im Orchester verteilt, Bläser im Halbrund) wurde so detail- und kontrastreich, bläserbetont und eindringlich musiziert, dass dieses oft als leichthändig wahrgenommene Stück seine heftige Dramatik offenbarte.

Ein sehr lebhafter Auftakt für ein Festival, das gerade seinen 80. Geburtstag feiert.

Samstag, 20 Uhr, Kulturbahnhof Kassel, Südflügel: Der Pianist Kolja Lessing spielt Werke von Spohr, Schumann, Chopin und Rathaus. Karten: Tel. 0561 / 203 204.

Von Werner Fritsch

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