Kasseler Opernhaus

Tannhäuser und der Sängerkrieg: Außenseiter in der Partywelt

Kassel. Eine Jungsclique. Solche, die genau wissen, wie spät sie auf eine Party zu gehen haben, um den Laden maximal aufzumischen: Das sind die edlen Sänger in Lorenzo Fioronis Inszenierung der Richard-Wagner-Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“, die am Samstagabend im ausverkauften Kasseler Opernhaus viel Beifall, aber auch ein paar Buhs für die Regie einheimste.

Beim Flaschendrehen mit einer Schampuspulle losen die Jungs auf der Wartburg-Party aus, wer wann im Wettstreit über die Liebe singen darf. Und die ironische Pose ist ihnen alles.

Fioroni präsentiert eine opulente Detailvielfalt mit überraschenden Einfällen. Nicht alles lässt sich eins zu eins entschlüsseln, aber Grundthema ist hier weniger das Wagner’sche von Sinnlichkeit gegen Askese, sondern der Gegensatz von erfülltem zu entfremdetem Leben. Fioroni zeigt eine selbstbezogene Spaßgesellschaft, die aus dem Feiern nicht herausfindet und am Ende von einer Texttafel ablesen muss, dass sie ergriffen zu sein hat.

Paul Zoller hat einen riesigen Würfel auf die Bühne gebaut, in dessen antiseptisch-weißem Inneren die Dauerfete stattfindet. Wie von weit außen aus dem All werden wir dort hineingeführt: Zu Beginn dreht sich der Würfel, wir sehen die Außenwände, mit dunklen Vorhängen verhängt, auf denen ein Sternenhimmel blinkt. Innen, noch leer, sitzt anfangs nur der eine, der ewige Außenseiter: Tannhäuser.

Ein erstes Fest wird per riesigem Video auf die weißen Wände projiziert. Die schwankende Kameraführung erinnert an die allgegenwärtige Handy- und Youtubefilmerei. Auch das eine Entfremdung.

Tannhäuser und seine Venus stehen bei einem ersten Höhepunkt der ausgefeilten Personenregie kurz darauf auf einem Balkon an der nachtdunklen Außenseite des Kubus (ein Venusberg). Hier ist ein Ort für Klarheit und Liebe, doch Tannhäuser vollzieht den Beziehungabschied und wechselt auf die (Wartburg-) Party, deren Smalltalk- und Flirtregeln (auch in der Begegnung mit der nun begehrten Elisabeth) er weder begreift noch mitspielen kann.

Paul McNamara singt die Titelpartie mit wenig tenoralem Glanz und an einigen Stellen nicht unangestrengt. Erst bei der Romerzählung im dritten Aufzug scheint er stimmlich zu voller Kraft zu finden. Ulrike Schneider ist eine klangschöne Venus, die Tannhäuser im Bühnenhintergrund weiter begleitet - phasenweise mit Totenkopfmaske (Kostüme: Katharina Gault). Kelly Cae Hogan findet mit starker Bühnenpräsenz als Elisabeth nach kleineren Anfangsschärfen zu runderem Sopranton.

Bejubelter Sängerstar des Abends ist Stefan Zenkl, der dem Wolfram von Eschenbach viel Ausdruck und strömende Baritonkraft verleiht („Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande“). In weiteren Hauptrollen: Hee Saup Yoon als Hermann, Johannes An (Walther von der Vogelweide), Marc-Olivier Oetterli (Biterolf), Musa Nkuna (Heinrich der Schreiber), Krzysztof Borysiewicz (Reinmar von Zweter) und LinLin Fan als Hirt.

Patrik Ringborg führt das Staatsorchester mit einem differenzierten Klang, der nie zu massig wird, in wunderbare Vielfarbigkeit, etwa zu Beginn des dritten Aufzugs. Für viel Stimmglanz sorgen Opernchor und Extrachor (Leitung: Marco Zeiser Celesti).

Und wenn im zweiten Aufzug ein Maskenball stattfindet, wo Froschkönig, Rotkäppchen, Schneewittchen samt Zwergen und die sieben Raben sich tummeln, gibt’s noch einen hübschen Kasselbezug.

Wieder am 4., 9.5., Kartentel.: 0561-1094-222.

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