Lorenzo Fioroni zerlegt Wagners „Lohengrin“ in drei lehrhafte Episoden

Kassel. Das Modell ist erprobt: Stefan Herheim erzählt mit seinem aktuellen Bayreuther „Parsifal“ deutsche Geschichte in drei zeitlichen Stationen. Der neue Kasseler „Lohengrin“, Wagners letzte romantische Oper, spannt in der Regie von Lorenzo Fioroni ebenfalls einen weiten Bogen.

Vom Zeitalter des Barock bis in die Gegenwart. Bei der ausverkauften Premiere im Kasseler Opernhaus erntete Fioroni für sein Fünf-Stunden- Drama in drei Episoden allerdings mehr Buhs als Beifall.

1. Aufzug

„Lohengrin“ im Kasseler Opernhaus wieder am 15., 22., 28. Mai, Beginn: 17 Uhr. Karten: Tel. 0561-1094-222 und unter www.staatstheater-kassel.de

Wie märchenhaft utopisch der Schwanenritter Lohengrin in die gesellschaftliche Realität platzt, das zeigt Fioroni im fulminanten ersten Aufzug. Das Volk von Brabant rebelliert, und der barocke Herrscher König Heinrich setzt auf Über rumpelung mit den Mitteln des Theaters: In einer feuerwerksprühenden Schwanengondel inszeniert sich der Künstler Lohengrin selbst als goldglänzendes Wunder, um das Volk auf die Herrschaft Elsas einzuschwören - gegen solchen Zauber sind die Revolutionäre Telramund und Ortrud einfach machtlos (Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Sabine Blickenstorfer). Wunderbar, wie Fioroni Wagners romantisches Überwältigungstheater hier als Spiel im Spiel ironisiert: Alles ist Fassade - auch Lohengrins Liebe zu Elsa.

2. Aufzug

Nicht so stringent erscheint der zweite Aufzug, ein Picknick in den Kolonien. Stark wirkt die Verschwörungsszene der gedemütigten schwarzen Diener Telramund und Ortrud, doch Lohengrins Auftritt als geheimnisvoller Geistlicher motiviert kaum die starken Emotionen - und warum erhalten Diener die Möglichkeit, den Herren öffentlich anzuklagen?

3. Aufzug

Für den Brautchor bleibt keine Zeit - er erklingt aus dem Off zum Presserummel beim Politikerbesuch in einer Galerie mit aufreizenden Frauenbildnissen von Boucher und Tizian. Dann bleiben Lohengrin und Elsa allein - und die Liebe misslingt. Elsas Argwohn steigert sich zum Wahnsinn, der leibhaftige Tod wirft seinen Schatten voraus. Es ist die Schlussszene, an der Fioroni scheitert: Das Drama der missglückten bedingungslosen Liebe und das der gescheiterten politischen Utopie fallen auseinander. Das sterbende Paar im Ehebett und die Totenfeier für gefallene Soldaten (aus dem Afghanistan-Einsatz?) - sie stehen unverbunden nebeneinander. Lohengrins Gralserzählung wird schließlich überlagert von der eingeblendeten Realutopie der UN-Menschrechtscharta - ein gut gemeintes, aber etwas hilfloses Signal, bevor Ortrud als Sensenfrau die reiche Ernte des Todes einbringt.

Ein musikalisches Erlebnis

Die Klammer, die diese „Lohengrin“-Inszenierung zusammenhält, sind die Sänger und die Musik. Und was für eine Klammer! Nach diesem Kasseler Rollendebüt muss Martin Homrich als Lohengrin auch die großen Bühnen erobern.

Seine blendende, hell timbrierte Höhe, seine kraftvolle Attacke, dazu eine gewisse „Italiantià“ machen den so intensiv singenden Tenor zu einer Idealbesetzung. Und er hat mit der wunderbar höhensicheren, mal mädchenhaft weichen, mal kraftvoll zupackenden Elsa Edith Hallers eine großartige Partnerin an seiner Seite.

Ein Höhepunkt des Abends: ihre Brautgemach-Szene in der Galerie. Eine Klasse für sich auch der kraftvoll ausdrucksstarke Heldenbariton Espen Fegrans als Telramund, während Lona Culmer-Schellbach stimmlich die weiche Seite Ortruds betont und zur Identifikation mit dieser Figur einlädt. Klar und kraftvoll, dazu mit lustvoller Arroganz verkörpert Mark Morouse den Heerrufer, während Mario Klein mit satter Sonorität den König Heinrich gibt. Kaum eine Oper lebt so sehr von der Chorqualität wie „Lohengrin“.

Und es scheint, als hätten sich der Kasseler Opern- und Extrachor samt dem Kinderchor Cantamus besonders viel vorgenommen: Klangstark, spielfreudig, präsent, dazu fähig zu feiner klanglicher Differenzierung, so drückten die von Marco Zeiser Celesti und Merle Clasen einstudierten Chöre der Produktion ihren Stempel auf.

Inzwischen kann man von einem Kasseler Wagnerton sprechen, den Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und das Staatsorchester immer mehr verfeinert haben und der diesen „Lohengrin“ auch von Orchesterseite zu einem besonderen Erlebnis macht. Dessen Kennzeichen sind nicht nur eine extreme Durchsichtigkeit und Farbigkeit des Klangs, ein intensives Musizieren im Pianobereich. Dazu gehört auch eine besondere Sensibilität in der Begleitung der Sänger. Was Ringborgs „Lohengrin“ darüber hinaus auszeichnet, ist eine noch gewachsene Prägnanz und Schlagkraft in den dramatischen Passagen, etwa beim Vorspiel zum dritten Aufzug. Großer Jubel für alle musikalischen Akteure. (w.f.)

Rubriklistenbild: © Klinger

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