Die Lust am Krawall: „Frau Müller muss weg“

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Wird zur Zielscheibe für die frustrierten Eltern: Agnes Giese als Lehrerin Sabine Müller.

Göttingen. Das Klassenzimmer ist keine Bühne für subtile Psychodramen – der Kampf um die Zukunft der lieben Kleinen wird mit harten Bandagen und viel Lautstärke geführt.

Mit seiner Inszenierung von Lutz Hübners „Frau Müller muss weg“ liefert Andreas Döring (Regie und Ausstattung) eine krawallige Komödie, an deren Eskalation die 150 Premierengäste im Jungen Theater genauso viel Spaß hatten wie das Ensemble.

Die Lage ist brenzlig. Einige Schüler der 4b bringen immer schlechtere Noten nach Hause. Der Wechsel aufs Gymnasium ist bedroht – für die Eltern die größtmögliche Katastrophe. Klar: Die Schuld liegt allein bei der Pädagogin, Frau Müller muss die Klasse abgeben.

Die Revolte soll schnell über die detailverliebte und lebensecht gestaltete Klassenzimmer-Bühne gehen. Doch mit dem geordneten Auftritt des Elternrates ist es schnell vorbei. Anstatt sich einschüchtern zu lassen, will Frau Müller konkrete Probleme ausräumen. Und das Publikum sieht schadenfreudig und mit viel Gelächter zu, wie sich die Eltern gegenseitig und die Kinder der anderen gleich mit zerfleischen.

Die Figuren und Konflikte in Hübners Stück, das 2010 in Dresden uraufgeführt wurde, sind teilweise bis zum Klischee zugespitzt. Das Göttinger Ensemble macht das Beste draus und beeindruckt mit großer Intensität als Eltern, die für ihre Kinder kämpfen – und doch eigentlich nur ihr eigene Unzufriedenheit kanalisieren.

Gintas Jocius überzeugt als arbeitsloser, engagierter Vater, der seine Minderwertigkeitskomplexe auf seine mittelmäßig begabte Tochter projiziert. Zwischen hysterischer Trauer und glaubhafter Wut schwankt Anne Düe als Mutter, die nicht wahrhaben will, dass ihr hyperaktiver Sohn das Hauptproblem für das Klassenklima ist.

Dagegen stemmt sich Agnes Giese als aufgeräumte Lehrerin Müller. Ihr aufrichtiges Engagement nimmt man ihr ab der Minute ab, an der sie ins Klassenzimmer in der Mitte der Zuschauerreihen stapft. Unterstützung erhält sie nur von der Mutter des Klassenbesten, nuanciert gespielt von Felicity Grist.

Eine undankbare Aufgabe fällt Verena Saake zu: Mit der herrischen Karrierefrau Jessica Höfel muss sie die mit Abstand flachste Figur verkörpern, die eigentlich gar keine Lust hat, über ihre „zauberhaft missratene Tochter“ und die anderen „Bälger“ zu sprechen.

Mehr Facetten darf Jan Reinartz zeigen. Sein Ausbruch, bei dem der Familienvater seinem Frust letztlich freien Lauf lässt, sorgt für den eindrucksvollsten Moment des Abends. Insgesamt war das Publikum in den 90 Minuten jedoch mehr mit lautem Lachen als mit andächtigem Schweigen beschäftigt – und spendete am Schluss langen Applaus für eine gelungene Premiere.

Weitere Termine: 7., 13., 17., 20. und 22. Mai, 4., 10., 18. und 21. Juni. Karten: 0551/ 495015

Von Simon Neutze

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