Lust auf Leben lernen

„norway.today“ in der Neuauflage von Petra Schiller in Kassel

Überlegen, ob sie von den Klippen springen wollen: Anna-Maria Hirsch als Julie und Aljoscha Langel als August. Foto:  Klinger

Kassel. Unsere digital bestimmte Zeit - darauf wirft Igor Bauersimas Stück „norway.today“ in der Inszenierung von Petra Schiller am Kasseler tif (Theater im Fridericianum) einen Blick: en passant und sehr witzig.

Der Anfang kommt überraschend. Noch unterhält sich das Publikum im Foyer, als eine junge Frau das Podium betritt. Mit August hat sich Julie im Internet zum Selbstmord verabredet. Über den Klippen eines norwegischen Fjordes soll es enden, das Leben: Zehn Sekunden im freien Fall. „Mir nach“, meint die toughe Julie. Lang lebe der Tod.

Und das Publikum folgt ihr hinein in das kleine Theater. Weil heute alles öffentlich ist und scheinbar nur existiert, was per Smartphone und iPod festgehalten wird, soll auch dieser Selbstmord auf den Klippen Norwegens ein dokumentierter sein.

Im genial einfachen Bühnenbild von Ausstatterin Brigitte Schima - einer weißen Landschaft aus bemaltem Bühnenboden, einer dunklen Fjordmarkierung und einem nach oben gespannten Tuch - nehmen Julie und August Abschied von der Welt. Filmen sich bei ihren letzten Worten an die Familien im Stil einer Casting-Show, verwerfen, wiederholen, streiten. Julie zickt und August zappelt. Denn wie beendet man ein Leben, in dem man sich - wie sie - nie wahrhaftig gefühlt hat und - wie er - immer nur am Rande stand? Abgedreht und schräg war das. Nicht im Leben, sondern „immer nur am Leben“.

Schön, wie die Regie von Petra Schiller nicht in Pathos und quälender Ernsthaftigkeit versinkt, sondern mit Humor und Ironie den Blick auf dieses lebensmüde junge Paar einer Wohlstandsgesellschaft richtet. Denn ausgerechnet im Streit über die letzten Stunden spielen die beiden den alten Geschlechterkampf durch und kommen sich doch nah.

Julie im Designerkleidchen unter dem Mantel wagt den Blick über den Abgrund, lässt sich von August festhalten, und der Typ im Lässig-Look meint ganz beiläufig: „Ich will mit dir schlafen.“ Ihre fantasierte Liebesnacht im Zelt wird zum berührenden Höhepunkt dieses Abends. Und vielleicht war es ja auch die Realität. Der Zuschauer kann träumen, was er will.

Wie sich dann das Leben und die Liebe zurückschleichen in das Gefühl der beiden, wie Julie und August beim Anblick eines Polarlichtes verzückt sein können über die Schönheit der Welt, hält diesen Abend in einer hoffnungsfrohen Botschaft. Vielleicht wartet auf sie nun doch eine Zukunft.

Aljoscha Langel spielt diesen August mit einem subtil liebenswerten Verlierer-Image, brillierend in nachdenklicher Coolness und zögernder Verliebtheit. Julie mit dem knallroten Marilyn-Monroe-Mund und den blonden Locken wird von Anna-Maria Hirsch mit einer Mischung aus Glamour, Energie und stabilem Beharrungsvermögen gezeichnet. Die Verletztheit dieser Figur lässt sich dagegen nur in Untertönen erahnen. Hier hätte man sich mehr Nuancen gewünscht.

„Ich will weg hier“, sagt sie hoch über den Klippen. „Ich auch“, sagt er. Das Licht geht aus. Zwei junge Schauspieler verbeugen sich strahlend vor einem begeisterten Publikum im tif.

Wieder am 18., 24. und 31. März, Karten: 0561/1094222

Von Juliane Sattler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.