Willi Lieverscheidt präsentiert Episoden-Spektakel nach Homer

Lustvoll entzaubert

Überdreht und auch mal leise: Willi Lieverscheidt in seiner Ein-Mann-Produktion. Foto: Fischer

Kassel. Was geschah eigentlich mit Odysseus und Penelope nach der Rückkehr des Trojakämpfers? Womöglich hat sich ihr Eheleben eher banal gestaltet. „Habe ich schon erzählt, wie ich den einäugigen Kyklopen Polyphem überlistet habe?“, grummelt der alte Odysseus in seinen Bart. Worauf des Helden Gattin erwidert: „Das hast du mir schon hundert Mal erzählt.“

Komisch wie desillusionierend beschließt Willi Lieverscheidt seine Ein-Mann-Version des antiken Epos, das er ein Episoden-Spektakel frei nach Homer nennt. Die trickreiche Darstellung verstärkt den Witz, denn Lieverscheidt bietet als in die Jahre gekommenes Paar einen Dialog mit sich selbst, und zwar ein Zwiegespräch zwischen der in einem Film zugespielten Penelope und dem auf der Bühne leibhaftigen Odysseus.

Viele Stilmittel

Das ist nur eine von vielen Pointen, die das Publikum bei der neuen Produktion der Compagnia Buffo im Theaterzelt neben dem Schlachthof erwartet. Mit Stilmitteln vom Kasperltheater über Schatten- und Puppenspiel bis zum Film stellt Lieverscheidt die Abenteuer des Odysseus dar. Es ist eine schweißtreibende Tour de force, die man da im kleinen Zelt erlebt.

Auf dem Programmzettel steht der Satz: „Und wie in vielen großen Stoffen offenbart sich das Traurige erst, nachdem die Gaudi verklungen ist.“ Anrührend macht dies die Episode mit der Zauberin Kirke deutlich. Die spielt Lieverscheidt nämlich mit leisen Tönen als scheiternde Teilnehmerin einer Castingshow. Kein Zauber will Kirke mehr gelingen, nachdem Odysseus sie verlassen hat.

Wie es zum plebejischen Reiz des Jahrmarkttheaters gehört, wird das Hohe und Hehre lustvoll entzaubert. In einer Opernparodie studiert Lieverscheidt als überdrehter Chordirektor mit dem Publikum, das zuletzt viel Beifall spendet, eine Chornummer ein. Da ertönt im voll besetzten Zelt eine existenzielle Frage mit schrägem Publikumsgesang: „Was wohl, was ist des Menschen Sinn?“

Bis zum 7. August, täglich außer montags, ab 20.30 Uhr, Theaterzelt neben dem Kulturzentrum Schlachthof. Karten unter Tel. 0171 - 4756584.

Von Georg Pepl

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