Bad Hersfelder Festspiele

Lutherstück von Dieter Wedel: Die Sprengkraft neuer Ideen

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Bedrohliche Kulisse: Ablassbrief-Verkäufer Johann Tetzel (Claude-Oliver Rudolph, links) und Kardinal Cajetan (Robert Joseph Bartl) sehen Martin Luther als Gefahr an.

Bad Hersfelder Festspiele: Dieter Wedels opulente Uraufführung „Martin Luther - Der Anschlag" wurde zum Saisonauftakt viel beklatscht.

Bad Hersfeld. Obacht: Plötzlich schlagen die gerade noch sympathisch wirkenden jungen Leute auf der weiten Bühne mit Schlagstöcken um sich. Was wird aus einer gesellschaftlichen Bewegung, deren frische Ideen auf überraschend breite Zustimmung treffen? Sie steigert sich in die Euphorie, labt sich an den Äußerungen des charismatischen Führers, genießt dessen Provokationen gegenüber dem Feind. Und dann?

Wie eine Aufbruchstimmung ins Totalitäre kippen kann, wie Selbstgerechtigkeit entstehen und der Anspruch, auf die Wahrheit abonniert zu sein, blind machen kann: Hier sind wir beim Kernthema von Dieter Wedels bewegendem, opulenten Theaterabend „Martin Luther – Der Anschlag“ mit dem er als Autor und Regisseur die Bad Hersfelder Festspiele eröffnete. 1200 Zuschauer spendeten in der Stiftsruine bei der Uraufführung am Freitagabend starken, aber nicht langen Applaus, als sich um halb ein Uhr nachts 30 Darsteller, die riesige Komparsenschar, Musiker und Produktionsteam verneigen. Zum Ensemble gehören auch TV- und Filmgrößen wie Erol Sander als Papst und Claude-Oliver Rudolph als Johann Tetzel. Über drei intensive Stunden lang spannt Wedel thematisch wie formal einen weiten Bogen. Sein Stück reflektiert das Entstehen von fundamentalistischen Denkstrukturen und öffnet mit Videoeinspielern von Zweitem Weltkrieg bis zu Nahost-Kriegen einen reflektorischen Hintergrundraum, der nachwirkt.

Wedel arbeitet aber auch Lebensstationen des Reformators Martin Luther ab. Verhältnis zum Vater, Klosterjahre, Auseinandersetzung mit dem Ablasshandel der Kirche, Thesenanschlag, päpstlicher Bann, Freundesrunde und das Privatleben mit Katharina von Bora (Elisabeth Lanz). Damit nicht genug: Dazu werden die Situation der Kirche im ausgehenden Mittelalter zwischen den Augsburger Finanziers aus dem Hause Fugger und den Polit-Strippenziehern der Medici illustriert. Und es geht nicht zuletzt um die Wirkungsgeschichte der lutherschen Ideen, etwa in der Auseinandersetzung mit Kardinal Cajetan (begeisternd vielschichtig: Robert Joseph Bartl).

Empört sich über die Kommerzialisierung der kirchlichen Sündenvergebung durch Ablassbriefe: Martin Luther (Christian Nickel).

Eine enorme Agenda, die den sehr langen Abend teilweise überfrachtet, owohl die unterhaltenden Elemente die Wissensvermittlung und die Fundamentalismusreflektion ausbalancieren. Hier geht es dann schon mal arg in die Niederungen, werden mehrfach Luthers Verdauungsprobleme illustriert („Musst du klein oder groß?“), greift ihm eine rotgewandete Teufelin (Corinna Pohlmann) ans Gemächt. Auf Provokation ausgelegt sind Originalzitate Luthers, in denen er heftig gegen Juden und Muslime wettert.

Bilder: So inszeniert Wedel "Luther - Der Anschlag"

Die von einem Neonkreuz dominierte, schräg abfallende Bühne von Jens Kilian wandelt sich in Studierstube, Marktplatz oder päpstliches Gelass, beim Wormser Reichstag fahren Rampen nach oben, auf denen bewaffnete Schergen wachen. Die Kostüme von Clarissa Freiberg mixen fröhlich die Stilepochen, so tragen die Freunde Sweatjacke mit Betende-Hände-Emblem oder Glitzerblouson, Luther aber eine Art Mönchshabit.

Nach einem personellen Eklat kurz vor der Premiere wurden die vier Lutherdarsteller auf drei reduziert, Janina Stopper und Maximilian Pulst verkörpern sympathisch, aber in der Verdoppelung nicht leicht zu verstehen Facetten des jungen Martin, der großartige Christian Nickel nunmehr allein den älteren Luther, sowohl den Reformator als auch den Wutbürger. In seinem souveränen Spiel vermisst man nichts, die Vervielfachung der Figur ist eine interessante Idee, bringt aber kaum weitere Erkenntnisse.

Die TV-Moderatoren Mareile Höppner und Jan Hofer sind in übergagten Videoeinspielern präsent, die die Bildsprache von Talkshows und History-Magazinen aufgreifen, damit aber die Aufmerksamkeit weiter zersplittern und von der Bühne wegführen, jedoch auch an die Sehgewohnheiten der Zuschauer anknüpfen.

Tel.: 06621-640200, www.bad-hersfelder-festspiele.de

Lesen Sie auch unseren Ticker zur Eröffnung der Festspiele.

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