Der Rezitator Lutz Görner gastierte im ausverkauften Anthroposophischen Zentrum in Kassel

So hätte man Schiller gern in der Schule gelernt

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Lutz Görner

Kassel. „Eltern, die ich zärtlich ehre / Gehorsam, Fleiß und zarte Liebe / verspreche ich auf dieses Jahr.“ Neun Jahre alt war Friedrich Schiller, als er diese Zeilen eines Gedichtes vortrug.

Mit 22 Jahren war aus dem begabten „Fritz“, wie er in der Familie genannt wurde, praktisch über Nacht der Prototyp des jungen Wilden geworden. Der Grund: „Die Räuber“, Schillers Drama, in dem er soziale Missstände anprangerte und die Freiheit des Individuums in den Vordergrund stellte, hatte am 13. Januar 1782 im Mannheimer Theater vor 1200 Besuchern Premiere. Man berichtete: „Das Theater glich anschließend einem Irrenhaus. Frauen wankten, einer Ohnmacht nah, zur Tür.“

„Opiumschlummer und Champagnerrausch“ titelt das Programm, mit dem der Rezitator Lutz Görner den Dichter, Dramatiker, Balladendichter, ganz besonders aber den Menschen Schiller in den Mittelpunkt stellt und sein Leben hinter den Werken erzählt.

Am Samstagabend gastierte der in Thüringen geborene, bekannteste deutschsprachige Rezitator damit im ausverkauften Anthroposophischen Zentrum in Kassel.

Inneres Chaos

Begleitet von dem Gitarristen Stefan Sell, der die Texte mit Stücken von Bach, Mozart und Haydn begleitete, erzeugte Görner eine Atmosphäre, die die Persönlichkeit Schillers transparent machte: Seine Gemütsschwere, sein inneres Chaos, seine Probleme mit Frauen und Alkohol und die Qual seiner körperlichen Leiden, die Schillers Leben prägten und ihm ein frühes Ende setzten. Görner wechselt in seinem Programm die Pole und Positionen: Mal nimmt er die Rolle des sachlich berichtenden Erzählers ein, mal die des ironischen Betrachters.

Den meisten Applaus aber spendete das Publikum immer in den Momenten, wenn Görner den Schiller selbst gab und Auszüge aus dessen Werken mit kraftvoller Gestik und ungestüm fluchenden, anprangernden, aber auch melancholisch leisem Tonfall so brachte, wie es Schiller einst wohl selbst tat.

So hätte man Schiller gerne in der Schule vermittelt bekommen. Das Publikum bedankte sich dafür mit lautstarkem Applaus.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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