Mit-Favorit auf den Deutschen Buchpreis

Buchkritik: Lutz Seilers faszinierender Hiddensee-Roman „Kruso“

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Romanschauplatz: Leuchtturm auf dem Dornbusch auf Hiddensee. Foto: von Busse

Zwei Insel-Romane gelten als Favoriten auf den Deutschen Buchpreis, der am Dienstag vergeben wird. Neben Thomas Hettches Roman "Pfaueninsel" wird "Kruso" von Lutz Seiler hoch gehandelt. Das eigenwillige Buch spielt im Sommer und Herbst 1989 auf der Insel Hiddensee.

Am Ende von „Kruso“, Lutz Seilers gefeiertem Roman, gibt es eine Skizze der Ausflugsgaststätte „Zum Klausner“ auf Hiddensee, mit dem Personaltisch im Zentrum. Da sind sie alle platziert: Rick und Karola, das Tresenehepaar, Koch-Mike, die Kellner Rimbaud, Philosoph, und Cavallo, der Soziologe. Krombach, der Leiter dieses Betriebsferienheims im Wald hoch über der Steilküste, den es irgendwie vom Palasthotel Berlin hierher verschlagen hat. Und all die anderen, die das Festland in dieses Reservat am Rand der Republik „ausgespuckt“ hat. Sie bilden eine verschworene Besatzung, eine „Inselkaste“.

Zur Person 

Lutz Seiler, 51, aus Gera, kam wegen mangelnden Talents für Laubsägearbeiten zur Literatur. In der NVA sägte er mit anderen Soldaten auf der Stube Weihnachtsschmuck aus Sperrholz. Er zerbrach so viele Sägeblätter, dass er verbannt wurde. Also begann er zu lesen - und auch zu schreiben. Seiler machte eine Lehre als Baufacharbeiter und arbeitete als Zimmermann und Maurer, ehe er Germanistik studierte. Er leitet das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst bei Berlin, lebt dort und in Stockholm. „Kruso“ ist der erste Roman des Bachmann-Preisträgers, der vor allem als Lyriker in Erscheinung trat.

Auch der Student Edgar gehört dazu, der sich nach dem Unfalltod seiner Freundin als Wrack empfindet, sodass er im Juni 1989 aus Halle flieht. Er schuftet im Klausner-Abwasch, wird in die trinkfeste „ehrenwerte Gilde der ,Esskaas‘“, Saisonkräfte, mit ihrer Geborgenheit und ihren merkwürdigen Ritualen aufgenommen. Edgar ist ein Gefährte für Kruso, Alexander Krusowitsch, Sohn eines Sowjetgenerals und einer Artistin, „ein Freitag an der Seite Robinsons“, der selbst auf dieser Insel gestrandet ist und nun all die „Schiffbrüchigen“, die Ausgestoßenen und Ausreißer ohne Aufenthaltserlaubnis, versammelt, versorgt, in Not- und Geheimverstecke verteilt: „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“ „Die Insel adelte ihr Dasein.“

Vor der Küste kreuzen Patrouillenboote, eine Kompanie ist auf dem Dornbusch stationiert, Scheinwerfer richten sich auf Grenzverletzer in den schwarzen Quartieren. In der Luft aber liegt Freiheit, in der Ferne leuchtet wie ein Urbild der Sehnsucht die Kreideküste der dänischen Insel Møn. Auch von den bei Fluchtversuchen Verschollenen erzählt „Kruso“.

Die Entwicklung im Herbst ’89 bekommt man im Klausner, „außerhalb der Nachrichten“, kaum mit. Edgar findet zu sich selbst, die DDR zerfällt. Auch die Arche Kruso geht dramatisch unter, der „Funkenflug einer unfassbaren Brüderlichkeit“ verlischt, die kostbare Gemeinschaft mit ihrem Ehrenkodex zerbricht.

„Kruso“, dieses so präzise auf Hiddensee verortete Buch, ist in vielerlei Hinsicht eigenwillig: sprachgewaltig, bisweilen pathetisch, voller Trauer und Rätsel, die ungelöst bleiben. Es erfordert Aufmerksamkeit. Aber der Roman feiert auf einmalige Weise die Wurzeln der Freiheit „tief in uns“, Freundschaft, Vertrauen, Stolz und Zusammenhalt durch schwere Arbeit, die Kraft der Poesie sowie Magie und Schönheit jener Insel, die für Seiler, der 1988 als Tellerwäscher im Klausner gejobbt hat, immer noch „die schönste der Welt“ ist. Mit dem Uwe-Johnson- und dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis wurde „Kruso“ bereits ausgezeichnet. Es wäre kein Wunder, wenn es am Dienstag den Deutschen Buchpreis erhielte.

Lutz Seiler: Kruso. Suhrkamp, 484 S., 22,95 Euro

Wertung: fünf von fünf Sternen

Von Mark-Christian von Busse 

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