Digitales Fasten: Der Journalist Alex Rühle hat ein großartiges Buch über seine sechs Monate ohne Internet geschrieben

Vom Luxus, offline zu sein

Analoges Alleinsein: „Wer weiß, wenn ich dort etwas länger gelebt hätte, wäre ich für immer geblieben“, schrieb der Philosoph Henry David Thoreau („Walden“) über seine zwei Jahre in einer Waldhütte. Alex Rühle teilt Thoreaus Empfindungen der Stille und Einsamkeit - ist aber gern in die Netzwelt zurückgekehrt. Fotos:  picture-alliance

Huiuiui“, reagierte Alex Rühles Ehefrau, als sie den ersten Teil des Tagebuchs ihres Mannes aus dessen Offline-Leben las, „ich hatte keine Ahnung, dass du dermaßen ein Rad ab hast“.

Dass mit ihm etwas nicht stimmte, bemerkte der Feuilleton-Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ spätestens, als er sich an der Rezeption eines Berliner Hotels „wie eine Mischung aus jähzornigem Hotelzimmerzertrümmerstarlet und pedantischem Mitarbeiter der Stiftung Warentest“ aufführte, nur weil das Vier-Sterne-Haus kein WLAN anbot.

Das Internet gehörte für den Journalisten längst so selbstverständlich zum Leben wie die Schwerkraft und die Luft zum Atmen. Gleichzeitig spürte Rühle, dass die ständige Nutzung des Netzes - im Büro, zuhause, auf dem Blackberry - für „gehetzte Unruhe“ sorgt, seinen Alltag „zerschreddert“, Aufmerksamkeit zerfasern lässt, Konzentration pulverisiert. Und: dass er es ohne Netz gar nicht mehr aushält.

Rühle stieg aus, mit Zustimmung seiner Chefs, und ging für ein halbes Jahr offline. Darüber hat er ein hervorragendes Buch geschrieben.

Abgesehen davon, dass der 40-Jährige ungemein sympathisch wirkt - sei es in der Art, wie wunderbar er über seine beiden Kinder schreibt oder über seine Musik-Vorlieben - Rühles humorvolles, auch sprachlich feines Buch ist deshalb so lesenswert, weil er jedes „Weltuntergangsgemäre“, jeden kulturpessimistischen Alarmismus von sich weist: Sehr amüsant sind neben dem Spott seiner Kollegen die Schilderungen, wie schon Eisenbahn und Telefon abgelehnt wurden, weil sie die Menschen vermeintlich komplett überforderten.

Der Literaturwissenschaftler zweifelt keine Sekunde am Segen und Reichtum des Netzes, das gerade für seine Recherchen unentbehrlich ist. Er fürchtet nur die Auswüchse des Alles-gleichzeitig und Immer-schneller und Immer-sofort, dieses Zerriebenwerden in einer „allesverschlingenden Beschleunigungsturbine“: „Das ist Terror“, schreibt Rühle - und eben doch eine gesellschaftlich ganz neue Erfahrung, die unsere Welt fundamentaler verändern wird, als wir das ahnen.

Das Hirn als Flipper

Nach einem Patchwork-Arbeitstag am Rechner mit unaufhörlichem Info-Geprassel gleiche das Gehirn einem „neuronalen Flipperautomaten“, dessen Drähte noch stundenlang im Dunkeln nachglühen. Überhaupt: Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben lösen sich vollends auf. Der Alltag bleicht aus. Mit der Zappeligkeit und Atemlosigkeit hat es ein Ende, als Rühle aussteigt und seine „analoge Klause“ bezieht, zum Beispiel Postkarten statt Mails schreibt.

Er empfindet sein Leben bald als wohltemperierter, stiller, ruhiger getaktet, aber auch als „farbintensiver als zuvor“, sich selbst als ausgeglichener, weniger zerstreut.

Rühles Fazit ist zwiespältig. Es erinnert ein bisschen an die Hilflosigkeit eines arglosen Landbewohners, der auf einer Schifffahrt im Sturm hin- und herschleudert, an der Reling Halt sucht, aber stets auf die andere Seite gerissen wird.

Google ordnet die Welt, Mails vereinfachen Kommunikation. Es geht nicht ohne Internet. Aber das große Superhirn ist kein „alles überwölbendes gottähnliches Wesen“, dem man sich unterwerfen muss. Es braucht nicht nur Menschen, die es mit Inhalten füttern, sondern diese Menschen brauchen Pausen, um sich nicht aufsaugen und gefangen nehmen zu lassen vom Netz.

Alex Rühle: Ohne Netz. Klett-Cotta. 224 S., 17,95 Euro, Wertung: !!!!!

Von Mark-Christian von Busse

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