Mark Zurmühles Inszenierung am DT in Göttingen

„Macbeth“ als Kino für den Kopf

Beschwört den eigenen Untergang herauf: Alois Reinhardt als Macbeth (vorn), im Hintergrund Ronny Thalmeyer, Andreas Jeßing und Meinolf Steiner. Foto: Müller

Göttingen. Ein Stück voller Gewalt ohne Gewalt, ein Stück voller Blut ohne Blut: Am Samstag feierte in Göttingen eine ungewöhliche Inszenierung von William Shakespeares Klassiker „Macbeth“ im Deutschen Theater Premiere. Traditionsbewusst, aber zugleich modern präsentierte DT-Intendant Mark Zurmühle das berühmte Stück um den schottischen Adeligen Macbeth, der das Schicksal beschleunigen will und dadurch seinen Untergang herbeiführt.

Seine Umsetzung des 400 Jahre alten Werkes orientiert sich stark an der elisabethanischen Aufführungspraxis, passt es aber auch geschickt an das Theater des 21. Jahrhunderts an.

Wie zu Shakespeares Lebzeiten üblich, müssen die mehrheitlich männlichen Schauspieler nicht nur schnell zwischen mehreren Rollen wechseln, sondern auch mit einem sehr reduzierten Bühnenbild zurechtkommen (stimmige Ausstattung: Eleonore Bircher, Ilka Kops). Der Fokus der Inszenierung liegt so ganz auf Shakespeares Text (deutsche Übersetzung von Angela Schanelec). In der Reduktion der schauspielerischen Hilfsmittel geht Regisseur Zurmühle sogar noch einen Schritt weiter: Die wohl blutigste der Shakespeareschen Tragödien kommt hier ohne einen einzigen Tropfen Blut aus, ganz ohne Dolch und Schwerter. Das grausame Morden findet also nur in der Vorstellung der Zuschauer statt - eine echte Herausforderung.

Unterstützt wird dieses „Kopfkino“ jedoch ganz modern von gezielt eingesetzten Musik- und Toneffekten, die Jan Exner live auf der Bühne aufnimmt und mischt. So entstehen dichte Szenen voller Dramatik, etwa wenn ein ängstlicher Macbeth (greifbar: Alois Reinhardt) verzweifelt versucht, sich auf den Mord an König Duncan (eher distanziert: Ronny Thalmeyer) einzustimmen, oder wenn Lady Macbeth die Dämonen beschwört: „Impft mich mit Mordgier!“. Hier verkörpert die einzige Frau des Ensembles, Katharina Heyer, eine ambivalente Persönlichkeit, die, äußerlich eher mädchenhaft-unschuldig, ihren Gatten durch ihre Machtgier in den Abgrund treibt und dabei nicht nur symbolisch ihre Zöpfe, sondern auch den Verstand verliert. Daneben überzeugen besonders Roland Bonjour als Macbeths integrer Freund Banquo und Andreas Jeßing als moralisch aufrechter MacDuff.

Zum Glück gönnt Zurmühle Schauspielern und Publikum gerade durch die Nebenrollen auch komische Atempausen von der beklemmenden Dramatik des Bösen. Denn wer sagt, dass Hexen immer alt, hässlich und vor allem weiblich sein müssen? Meinolf Steiner, Andreas Jeßing und Jan Exner sorgen als gut angezogenes Trio Infernale für ebenso viel Erheiterung wie der amüsante Vortrag des Pförtners (ebenfalls Jan Exner) über die Folgen übermäßigen Alkoholgenusses.

Das Publikum belohnte das Ringen der Schauspieler mit dem teils recht sperrigen Text und den sehr komplexen Charakteren am Ende mit minutenlangem Applaus.

Wieder am am 17., 23., 25.2., 3., 8., 11., 15. 3. Karten: Tel. 0551/496911, www.dt-goettingen.de

Von Friederike Szamborski

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