Intensiv und grell

Macbeth: Machtgeilheit erzeugt Monster

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Zwischen Größenwahn und Wahn: Judith Strößenreuter als Lady M acbeth und Volker Muthmann als Macbeth.

Göttingen. Das DT zeigt eine knallige, verstörend psychologische und großartig gespielte Inszenierung von William Shakespeares schottischer Tragödie.

Wie wird einer zum Mörder? William Shakespeares Drama „Die Tragödie des Macbeth“ dringt in die Seelenqualen eines Menschen ein, der sich von seiner Machtgier zerfressen lässt und zugleich glasklar erkennt, dass er nicht nur Leben auslöscht, sondern sich auch selbst zerstört. Mit einer äußerst intensiven, teilweise aber auch etwas albernen Inszenierung von Christoph Mehler bringt das Deutsche Theater in Göttingen die Tragödie in 130 pausenlosen Minuten auf die Bühne. Für die ausverkaufte Premiere am Samstag gab es viel Applaus und Extra-Jubel für die Hauptdarsteller.

Volker Muthmann sieht in ausgewaschenem Aufdruck-Shirt, mit fuchsrotem Langhaar und dunklem Augen-Make-up als Macbeth aus wie ein spilleriger Heavy-Metal-Star. Es ist großartig, wie eindringlich sein Feldherr auf der Schwelle zwischen Verdruckstheit und Größenwahn balanciert. Von Anfang an lässt er einen Tick Überforderung mitschwingen. Später, als Macbeth König ist und nicht nur die Krone, sondern auch eine löwenmähnenartige Riesenperücke trägt, wird er vollends zum Getriebenen.

Judith Strößenreuter ist eine extrem unheimliche Lady Macbeth, sie wirkt mit ihrer Halbglatze, den aschigen Strähnen und dem schwarz-grauen Make-up wie eine Mischung aus Riff-Raff aus der „Rocky Horror Picture Show“ und dem Imperator bei „Star Wars“ (Ausstattung: Jennifer Hörr). Die Lady bewegt sich ruckartig, spricht exaltiert wie eine Figur aus dem Horrorfilm, wie überhaupt die Inszenierung das Monströse, Horrormäßige des Stoffs herausarbeitet – und in der Psyche des Menschen verortet.

Auf der Bühne bauscht sich eine viele Meter lange Bahn aus blutroter Fallschirmseide. Sie kann mit der Windmaschine raumhoch gebläht werden, Wellen schlagen, man kann unter ihr verschwinden, sie als Robe umschlingen. In Macbeths verzweifelten Monologen ist er mannshoch umgeben von rotem Gewölk. Wenn er von düsteren Ahnungen heimgesucht wird, nähern sich geisterartige Figuren unter dem Stoff, nur deren Konturen sind sichtbar – das erzeugt tolle Effekte, die Textverständlichkeit ist allerdings durch den Windmaschinenlärm und eine recht dröhnige Musik von David Rimsky-Korsakow nicht immer optimal.

Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten, voller Schall und Zorn: Als hätte die Inszenierung sich diesen berühmten Monologsatz (gesprochen wird die sehr gegenwartsbezogene Übersetzung von Thomas Brasch) zur Richtschnur genommen, sind die Nebenfiguren comicartig überzeichnet.

Gabriel von Berlepsch spielt Macbeths Vertrauten Banquo wie einen bekifften Gymnasiasten mit ADHS, der einmal auch, vom eigenen Romantiküberschwang überwältigt, ins Publikum klettert, um sich Umarmungen abzuholen. Florian Donath, Christoph Türkay und Daniel Mühe schlüpfen in mehrere Rollen, als König und Königssohn sehen sie mit dicken Pluderhosen aus wie Windelträger, als gedungene Mörder tragen sie Clownsnasen und manchmal sprechen sie wie Neuköllner Ghettogrößen.

Minutenlang veranstalten dann alle Männer nackt einen ziemlich anstrengenden Ringelpiez, betatschen einander die Weichteile, präsentieren ihre Hinterbacken – die Zauberkraft der Hexen löst offenbar brünftige Ekstase aus. Kleine textliche Ergänzungen („Mach dein autogenes Training“) und die poppig-grellen Bilder passen aber insgesamt zum stringent herausgearbeiteten und gespielten Psychohorror.

Am Anfang waren Florian Donath, Christoph Türkay und Daniel Mühe noch ohne bodenlang wallendes Hexen-Haar auf die leere Bühne gekommen und haben den Stücktitel angesagt, am Ende beenden sie das Spektakel, nehmen die Haare wieder ab. Die Bühne ist leer.

Wieder am 17., 26.4., 3.5., 3.6., Kartentelefon: 0551/4969300

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