Das neue Album von Beck gibt es nur als Liederbuch zum Nachspielen

Macht es euch selbst

Als „Loser“ wurde er berühmt: Mit der gleichnamigen Hymne landete Beck Hansen 1993 einen Welthit. Nun hat der 42-Jährige 20 Songs geschrieben und nur als Liederbuch veröffentlicht. Seine Musik muss sich jeder Fan erarbeiten – falls er Noten lesen kann. Foto: ap

Das hat er sich ja fein ausgedacht! Becks neues „Album“ kann man nicht hören, nicht einen Ton lang. Nicht weil die Musik darauf nicht auszuhalten wäre. Es gibt sie nicht, noch nicht. Dafür kann man Becks neues Album lesen, sofern man das entsprechende Rüstzeug dazu hat: Der „Song Reader“, so der Name des Werks, ist ein Notenbuch. Wie alle Notenbücher spricht es zu einem: Spiel mich, sing mich, mach es selbst!

In einem Interview mit der Zeitschrift „The New Yorker“ sagte der 1970 in Los Angeles geborene und in einer Musiker- und Künstler-Familie aufgewachsene Beck Hansen: „Zu lernen, wie man einen Song spielt, ist eine spezielle Erfahrung.“ Sein 20 „Songs“ fassender „Song Reader“ soll Menschen helfen, sich für Musik zu öffnen. Sagt Beck. Ob das klappt? Und was machen die gewiss deutlich überzähligen Fans des Komponisten der berühmten Slacker-Hymne „Loser“ (1993), die keine Noten lesen können? Ein langes Gesicht, vermutlich.

Allerdings sieht der „Song Reader“ ziemlich schick aus, handelt es sich doch um einen schweren, dunkelblauen Einband, mit cremeweißen Notenblättern darin und allerlei hübschen Illustrationen. So was stellt man sich gern ins Regal, zwischen Wallaces „Infinite Jest“, Goethes „Wahlverwandtschaften“ und einem Kunstband von Marcel Duchamp.

Im Vorwort von „Song Reader“ macht der Künstler deutlich, dass es sich keineswegs um ein um die Meta-Ecke schielendes Pop-Kunst-Projekt handelt. Ein allzu großer Spinner ist der Mann, der sich nach seinem Erfolgsalbum „Odelay“ (1996) zu einem von großkopferten Kollegen wie David Bowie oder Björk hochgelobten musikalischen Experimentator wandelte, ohnehin nicht.

Sein „Song Reader“ - eine Herzensangelegenheit: „Diese Songs sollen zum Leben erweckt werden. Oder uns zumindest in Erinnerung rufen, dass vor noch nicht allzu langer Zeit ein Lied bloß ein Blatt Papier war, bis jemand spielte.“

Vorstufe zur Musik

Ein Gedanke, so schön wie naheliegend. Oder vielleicht doch nicht so selbstverständlich? Insbesondere in der Welt des Pop, wo Noten und Notenblätter, der Prozess des Komponierens mithin, nirgends auftauchen, so, als wären die Songs stets von selbst zu Sound gewordenen Tonträgern geworden. Als gäbe es sie immer schon.

Und obgleich es unter Pop- und Rockmusikern durchaus normal ist, keine Noten lesen zu können, sondern einfach drauflos zu spielen, die Ergebnisse möglicherweise mitzuschneiden und dann zu schauen, was man damit anfängt, so ist ja auch dies ein vorgeschalteter Prozess, eine eher selten thematisierte Vorstufe auf dem Weg zum Album.

Becks „Song Reader“ hat dem Zuvor des Schreibens und Komponierens, der Partitur, diesem blinden Fleck der Popmusik, auf originelle Weise Gestalt verliehen. Für das Danach, für die musikalische Praxis, die darin zum Ausdruck gebrachte Spielfreude und spielerische Intuition, sind nun andere verantwortlich. Die Devise heißt: Mach was draus - ein fremdes eigenes Album zum Beispiel.

Beck: Song Reader (Faber & Faber, 112 Seiten).

Wertung: !!!!:

Auf der Seite www.songreader.net kann man seine Versionen hochladen.

Von Michael Saager

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