Fans und Kritiker sind der kalifornischen Folk-Sängerin Joanna Newsom verfallen

Die Macht der Verführung

Alle sehen in ihr die Elfe: Folk-Sängerin Joanna Newsom. Foto: nh

Wie hindrapiert liegt sie da - auf Blümchenbettwäsche im sehr kurzen bunten Kleidchen, mit knallrot geschminktem Mund und dunkel bemalten Augen. Sie schaut kokett-verträumt. Eigentlich sind diese Fotos von Joanna Newsom, die zur Pressemappe ihres dritten Albums gehören, dem erotischen Kitsch recht nahe.

Was soll man davon halten? Schließlich ist Newsom kein Pin-up-Girl im „Playboy“. Die 28 Jahre alte Sängerin, Komponistin und Harfenistin gilt derzeit unter Musikkritikern als die Ausnahmemusikerin schlechthin. Indessen war man auf die Nordkalifornierin, deren Stimme neuerdings ein bisschen an die frühe Kate Bush und Victoria Williams erinnert, schon vor der Veröffentlichung ihres Opus magnums „Have One On Me“ aufmerksam geworden.

Bereits ihr zweites Album „Ys“ aus dem Jahr 2006 ist eine mit normalen Popmaßstäben gemessene überwältigende Leistungsschau: In fünf epischen Song-Erzählungen bewegt sich die Musikerin dort entlang der Grenzen klassischen Folks, freilich nicht ohne ihn gleichzeitig überwinden zu wollen, ihm etwas Eigensinniges, zumindest auffallend Originelles hinzuzusetzen. Auf Genre-Ebene ist dies die Verschmelzung von Folk mit dem Kinder- und Kunstlied sowie Westküsten- Psychedelia. Dazu maunzt, knödelt und trällert Newsom mit ihrer selbstbewusst melodiegebenden Stimme dunkel-romantische Texte.

Man könnte meinen, der Wunsch nach einer weiteren Steigerung sei in „Ys“ bereits angelegt gewesen. Tatsächlich besteht „Have One On Me“ aus drei CDs mit einer Gesamtspielzeit von gut zwei Stunden. Diesem gewachsenen „Äußeren“ korrespondiert der „Inhalt“ aber anders als erwartet, denn das neue Album ist schmaler instrumentiert; Van Dyke Parks hat keine Orchesterarrangements beigefügt. Newsom selbst sitzt nicht nur hinter der Harfe, sondern auch am Klavier. Sie spielt und singt melodisch überreiche, von Debussy und Satie, von Vaudeville und Gospel inspirierte Folk-Songs mit tollen irritierenden Wendungen und einer bisweilen leicht komplizierten Rhythmik.

Sie singt Songs über gescheiterte und gelungene Lieben, über den Wunsch, sich zu verschenken. Singt Songs, die mit ihrem romantischen Eigensinn und dieser gewissen Sprödigkeit unverkennbar ihre sind, mit einer Stimme, die so hell und klar ist wie nie. Man kann sie auch verführerisch nennen, diese Stimme. Und zerbrechlich und höchst narzisstisch. Man muss diese Stimme, mit der sich diese Künstlerin so deutlich exponiert, nicht unbedingt mögen. Aber gleichgültig sein kann sie einem nicht.

Häufig wurde Newsom mit einer Elfe verglichen. Sie hat diesen Vergleich gehasst. Er passt auch nicht zur neuen Platte, nicht länger zu ihr. Vielleicht sind die Fotos, von denen oben die Rede war, nicht zuletzt ein Statement gegen dieses Bild der Elfe. Und stattdessen eine Metapher für die Macht erotischer Verführung, die auch in „Have One On Me“ steckt.

Joanna Newsom: Have One On Me (Drag City / Rough Trade). Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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