Markus Dietz aufsehenerregende Inszenierung von Shakespeares „Macbeth“ mit Bernd Hölscher und Anke Stedingk

Der Sog von Machtgier, Sex, Blut und Mord

Verbundenheit: Bernd Hölscher und Anke Stedingk als Macbeth und Lady Macbeth. Foto:  Klinger

Kassel. Es geht um Sex. Sich selbst finden oder sich entgrenzen. Den anderen finden oder sich des anderen entledigen: Diese stärksten Antriebe des Menschen sind sämtlich mit Sex verknüpft. So zeigt es Markus Dietz’ bluthaltige Inszenierung von William Shakespeares Tragödie „Macbeth“, die am Freitag im ausverkauften Kasseler Schauspielhaus Premiere hatte.

Im Zentrum stehen die Ausnahmeschauspieler Bernd Hölscher und Anke Stedingk als Macbeth und Lady Macbeth, die sich in gigantischer Darstellerleistung in etwas über zwei Stunden so tief in die Abgründe ihrer Figuren hineinwühlen, dass man ihnen dringend wünscht, dass sie selbst seelisch aus diesem Trip gut herausfinden.

Der schottische Feldherr, der nach Macht, Posten und der sorgenfreien Stabilisierung seines Aufstiegs strebt, gerät in einen Blutrausch, muss mögliche Konkurrenten töten. Nicht aus Grausamkeit, nicht aus der selbstherrlichen Pose des Tyrannen. Nein: weil er ein Getriebener ist.

Wer ihn treibt, das sind hier die Hexen. Dietz lässt Shakespeares Geisterwesen nicht nur zum Absondern ihrer Prophezeiungen auftreten. Die Hexen sind vielmehr fast die ganze Zeit auf der Bühne. Eva-Maria Sommersberg, Alina Rank und Christoph Förster werden so zu Personifizierungen des dunklen Wollens, der Mordlust und auch des Mordens. Nur in Strumpfhosen und mit schwarzem Klebeband über den Brustwarzen tanzen sie lasziv zu Electrobeats und Stroboskoplicht (Kostüme: Henrike Bromber). Fast nackt fachen sie das erotische Begehren an, umschlingen, besteigen Macbeth – besetzen ihn buchstäblich.

Bis sie ihn am Ende mit Kabelbinder fesseln und die Plastiktüte über ihn stülpen, um ihn ultimativ zu erledigen.

Hölschers Macbeth stürzt sich in sexuelle Lust, um zu vergessen. Sobald er seiner Frau begegnet, regieren Körperkontakt, Erotik, Vereinigungswunsch. Zugleich umscheint Verletzlichkeit den Gewaltherrscher wie eine Aura. Sein Gesichtsausdruck kann zum zweifelnden Fragezeichen werden, bei seinen Angst-Flashs scheint sich sein ganzer Körper in sich selbst zurückzuziehen.

Auch Anke Stedingks Lady, die sich erst auf grausige Weise von den Hexen „entweiben“ lässt, wird später beim Weg in den Wahnsinn weicher, sanfter, kindlich fast. Am Ende sitzt sie im Unterkleid in einer Blutlache und schrubbt den Körper. Mit den Händen gießt sie Blut über sich und ruft dem Fleck, dem Mordbeweis, zu: „Raus, raus!“. Der besudelte Körper sinkt schließlich leblos zu Boden.

Auf Meyke Heggers schwarzer Bühne fährt lediglich ein neonbeleuchteter Kasten vor und zurück, ist Festtafel, Partybühne, Rednerpodest, Verteidigungslinie. Die Figuren treten aus dem Parkett auf, erst Normalos mit weißen Hemden, werden sie immer nackter, blutbeschmierter. Die Farbsymbolik ist allerdings recht aufdringlich eingesetzt, ein Nachteil der reduzierten Bildsprache. Ebenso dass die wuchtige Präsentation des Hauptthemas Sex wenig Raum für eigene Gedankennotizen lässt.

In weiteren Rollen spielen Enrique Keil, Björn Bonn, Dieter Bach, Aljoscha Langel und Sabrina Ceesay. Thomas Meczeles Banquo, Macbeths engster Kumpel, ragt aus der Riege der Nebenfiguren heraus. Längst ermordet, erscheint Banquo Macbeth bei einem Festmahl und setzt ihm durch sein fieses Zombie-Grinsen zu. Auf der Tafel stolziert er zwischen den Weinflaschen hin und her. Den Gürtel, mit dem er stranguliert wurde, trägt er fesch wie eine Krawatte. Für den Premierenabend gab es viel Applaus und Jubel.

Wieder am 31.5., 4.6., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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