Das Deutsche Theater in Göttingen inszeniert Brechts „Dreigroschenoper“ mit aktuellen Bezügen

Mackie Messer ist der Star

Abgehalfterte Truppe: Andreas Jeßing (Pastor Kimball, von links), Jan Pröhl (Mackie Messer), Katharina Heyer (Polly), Wojo van Brouwer (Matthias), Peter Füllgrabe (Ede), Aaron Bircher (Moritatensänger) und Gerrit Neuhaus (Walter). Foto:  Winarsch

Göttingen. Er ist ein Star. Mackie Messer ist nicht nur der König der Londoner Unterwelt, sondern war auch der dominierende Charakter in der Göttinger Premiere der „Dreigroschenoper“ am vergangenen Samstag. Im ausverkauften Deutschen Theater verkörperte Jan Pröhl stimmgewaltig, facettenreich und mit der nötigen Portion Arroganz den gerissenen Tunichtgut, der im Klassiker von Bertolt Brecht ausgerechnet die Tochter des Bettlerkönigs Peachum heiratet und sich dadurch selbst an den Galgen bringt.

Neben einer zunächst naiven, aber zunehmend selbstbewussteren Polly Peachum (gespielt von Katharina Heyer) glänzten in den Nebenrollen vor allem Johannes Granzer als kauziger Strippenzieher Peachum und Andrea Strube als schrille, beinahe diabolische Mrs. Peachum. Aaron Bircher, ein talentierter Göttinger Gesamtschüler, beeindruckte nicht nur als Sänger der berühmten „Moritat von Mackie Messer“, sondern sorgte als pfiffiges Mitglied von Mackies Ganovenclique regelmäßig für Lacher.

Es war eine etwas düstere, dem Originalstück verpflichtete Aufführung, die der Intendant und Regisseur des Deutschen Theaters, Mark Zurmühle, da auf die Bühne brachte. Dennoch gelang es ihm und seinem Team, eigene Akzente zu setzen, ohne sich von der Vorlage Brechts zu sehr vereinnahmen zu lassen.

Die bekannten Songs von Kurt Weill wurden vom Göttinger Ensemble nicht nur gesungen, sondern vielmehr schauspielerisch interpretiert: Vor allem Katharina Heyers „Seeräuberjenny“ wurde so zu einem kleinen Stück im Stück, was vom Publikum mit spontanem Szenenapplaus belohnt wurde.

Durch den Fokus auf das Schauspiel fügten sich gesangliche Schwächen, die zum Teil in den Chorpassagen und bei einigen weiblichen Gesangsparts zu verzeichnen waren, dennoch relativ reibungslos in die unkonventionelle „Bettleroper“ ein (Musikalische Leitung: Hans Kaul).

Die innovative, gut zu Brechts Vorlage passende Ausstattung von Eleonore Bircher (Bühnenbild) und Ilka Kops (Kostüme) nahm die Zuschauer mit auf einen Jahrmarkt im London des 19. Jahrhunderts und schuf gleichzeitig Bezüge zur Gegenwart.

So erinnerte das Heer der Bettler in alten Anzughosen und seidenen Unterhemdchen eher an entlassene Topmanager denn an die viktorianische Unterschicht. Passend dazu Mackie Messers Frage: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Nach der Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ bietet das Deutsche Theater mit der „Dreigroschenoper“ in dieser Spielzeit erneut ein Stück auf, das ungleiche Besitzverhältnisse thematisiert und sich auf die aktuelle Wirtschaftskrise beziehen lässt.

Brechts 1928 uraufgeführtes Stück hat in diesem Kontext auch nach 82 Jahren immer noch eine beklemmende Aktualität.

Wieder am 30.3., 6., 7., 14.4., Karten: Tel. 0551 / 49 69 11, www.dt-goettingen.de

Von Friederike Szamborski

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