US-Popsängerin Christina Aguilera meldet sich nach vier Jahren zurück, will auf „Bionic“ aber zu viel

Mädchen, mach dich locker

Erst 29 und schon seit zwei Jahrzehnten im Geschäft: Sängerin Christina Aguilera. Foto: Sony

Ganz am Ende von „Bionic“, wenn die 15 Songs vorbeigerauscht sind und man sich zu fragen beginnt, ob man gerade die Zukunft oder eher die Vergangenheit der kommerziellen Popmusik gehört hat, muss sogar Christina Aguileras zweijähriger Sohn ran, um für die Ehre seiner Mutter zu kämpfen. In dem für Kleinkinder eindeutig zu versauten Stück „Vanity“ bellt Aguilera: „Vergesst nicht, wer hier auf den Popthron gehört“. Und Max, der Erstgeborene von Christina und Ehemann Jordan Bratman, quiekt: „You do, Mami“.

Die Sängerin mit den lateinamerikanischen Wurzeln steht extrem unter Druck. Seit vier Jahren hat sie keine neue Musik mehr veröffentlicht. In dieser Zeit sind einige Künstlerinnen an ihr vorbeigezogen. Rihanna, Katy Perry, Ke$ha und Lady Gaga beherrschen die Popschlagzeilen. Aguilera wurde währenddessen Mutter, stand neben Cher im Tanzfilm „Burlesque“ vor der Kamera und dürfte ziemlich unschlüssig gewesen sein, wo sie nun eigentlich steht im Musikgeschäft.

Sie ist 29, begann ihre Karriere parallel zu Britney Spears und ist seit ihrem zehn Jahre alten Hit „Genie In A Bottle“ ein Weltstar. 2002 folgte mit „Stripped“ (inklusive großartigen Liedern wie „Dirrty“ und „Beautiful“) ihr bestes Album. Mit dem jazzig-funkigen Doppelalbum „Back to Basics“ konnte sie 2006 nicht völlig überzeugen.

Mit „Bionic“ versucht sie, wieder auf den Popzug aufzuspringen, doch sie hechelt ihm die meiste Zeit hinterher. Immer wieder wirkt die Platte verkrampft, so als wolle sie den Erfolg erzwingen. Interessante Ansätze sind vorhanden. Das moderne, lässige, und wegweisende Album, das die Perfektionistin so gern machen wollte, ist „Bionic“ nicht geworden.

Tolle Mitstreiter hat sie sich ausgesucht. Anders als Britney Spears, die stets aufnimmt, was ihre Produzenten ihr vorlegen, vertraut Aguilera auf ihre eigene Kreativität. Diesmal hat sie ihre Ideen unter anderem mit der Rapperin M.I.A. im nervigen „Elastic Love“ gepaart. Weitaus gelungener ist die an Gwen Stefani erinnernde Spaßnummer „My Girls“, die sie mit dem Electropop-Act Le Tigre aufgenommen hat. Verletzlich, einfühlsam, unaufdringlich und schön sind die mit Sia Furler entwickelten Balladen „You Lost Me“ und „I Am“. Da ist sie ganz bei sich. Doch ansonsten hat sie mit den Produzenten Polow da Don und Tricky Stewart oft hektisches Tempopopmaterial eingespielt.

Zumindest in den USA läuft Aguileras Comeback nicht gut. Trotz flächendeckender TV-Präsenz, sexy Bildchen im Booklet und einem Soft-Sadomaso-Video zu „Not Myself Tonight“ erreichte das Album nur Platz 23. Die für den Sommer angekündigte US-Tour wurde vier Tage nach Vorverkaufsstart auf 2011 verschoben - die „New York Times“ mutmaßte, die Ticketnachfrage müsse schwach gewesen sein.

Vielleicht sollte Christina Aguilera den Rat ihrer Co-Autorin Sia Furler beherzigen. „Christina ist bei der Arbeit nicht perfekt, sondern überperfekt. Man möchte sie am liebsten in den Arm nehmen, ihr ein paar Beruhigunspillen geben und sagen „Mädchen, mach es dir doch nicht so schwer“.

Christina Aguilera: Bionic (Sony). Wertung: !!!::

Von Steffen Rüth

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