Ein Mädchen schöpft Mut

Neu im Kino: Der eindrucksvolle Film „Precious“ schaut dem sozialen Elend ins Auge

Mühsamer Weg aus der Familienhölle: Gabourey Sidibe als Clareece genannt Precious. Foto:  nh

Nun gut, Sandra Bullock hat den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle bekommen. Verdient hätte ihn eine andere, bis vor Kurzem unbekannte Schauspielerin: Gabourey Sidibe, die für „Precious“ zum ersten Mal vor der Kamera stand und Publikum wie Kritik im Sturm eroberte.

Zwischen all den diätgestählten Körpern und Wunderwerken plastischer Chirurgie, die sich am Oscar-Abend in teure Kleider gezwängt hatten, war die junge Afroamerikanerin von beträchtlichem Körpervolumen der eigentliche Star auf dem roten Teppich. Das Bild der strahlenden Sidibe vor dem Kodak-Theatre wirkte, als käme es aus dem Film. Denn das Mädchen aus Harlem, das sie in Lee Daniels Sozialdrama „Precious“ spielt, träumt sich in glamouröse Fantasiewelten hinein, wenn Mutter sie mit der Bratpfanne verprügelt oder der Vater sie vergewaltigt. Eine Überlebensstrategie für das Mädchen genauso wie für das Kinopublikum, dem voyeuristische Gewaltexzesse erspart bleiben.

Als Precious das zweite Mal von ihrem Vater schwanger ist, fliegt sie von der Schule und findet einen Platz in einer Einrichtung, die sich auf soziale Härtefälle spezialisiert hat. Hier erfährt sie, nachdem sie ein Leben lang wie Dreck behandelt worden war, zum ersten Mal Wertschätzung.

Die engagierte Lehrerin bringt der Analphabetin Lesen und Schreiben bei und unterstützt sie beim Ausstieg aus der gewalttätigen Familienstruktur. Es ist ein langsames, nicht immer geradlinig verlaufendes Seelenrettungsmanöver, das Lee Daniels in „Precious“ beschreibt - aber dennoch keine klassische amerikanische Erfolgsgeschichte, in der sich das Individuum gegen alle Widrigkeiten durchsetzt.

Überall Gewalt

Dafür schaut der Film dem sozialen Elend zu direkt ins Auge und macht klar, dass es ohne solidarische Eingriffe von außen für eine wie Precious kein Entkommen aus der Familienhölle gibt. Die US-Komikerin Mo’Nique, die zu Recht mit dem Oscar als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, gibt den Blick frei in die Abgründe dieser gewalttätigen Strukturen. Sie stellt sogar Verständnis für den mütterlichen Sadismus her, ohne zu versuchen, deren Verhalten zu entschuldigen.

Aber das emotionale Epizentrum des Filmes bleibt Sidibe, die mit ungeheurer Genauigkeit zeigt, wie sich in der stoischen Selbstverachtung ihrer Figur ein Funken der Hoffnung einnistet. Es hat lange gedauert, bis dieser atemberaubende Film einen deutschen Verleih gefunden hat. Afroamerikanische Themen gelten hierzulande als Kassengift. Aber wer sich genau umschaut in den sozialen Brennpunkten deutscher Städte, findet Mädchen wie Precious auch hier – sie haben nur meist eine andere Hautfarbe.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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