Mädchenmusik nicht nur für Mädchen: Erlend Øye im Kulturzelt

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Mit den Kings of Convenience und dem Schlagwort “Leise ist das neue Laut” wurde Erlend Øye berühmt. Nun spielte der Norweger mit seiner Reggae-Band im Kasseler Kulturzelt. Das einzige Problem des Sängers und Gitarrist ist, dass seine Musik so schön ist.

Kassel. Noch um Viertel nach acht sah es so aus, als wäre ein Besuch im Kasseler Auebad aufregender als das Konzert von Erlend Øye im Kulturzelt. Am Nachmittag hatte der norwegische Sänger mit seinen Bandkollegen das Schwimmbad am Auedamm besucht. Sie rutschten und sprangen vom Ein-Meter-Brett, “sehr aufregend” sei das gewesen, gestand der 39-Jährige lächelnd. Aufregend und verdammt gut wurde sein Auftritt im Kulturzelt erst in der zweiten Hälfte.

Das Problem von Erlend Øye ist, dass seine Musik so schön ist. Das war schon Anfang der Nullerjahre so, als er mit den Kings of Convenience und sanftem Gitarrenfolk das Schlagwort “Leise ist das neue Laut” prägte. Als Solokünstler veröffentlichte er schluffimäßigen House, und selbst der funky Indiepop, den er mit The Whitest Boy Alive vor drei Jahren im Kulturzelt spielte, war irgendwie noch “Mädchenmusik”, wie ein Freund gleichwohl anerkennend sagt.

Nun steht der Schlacks mit der riesigen Nerd-Brille wieder auf der Bühne an der Drahtbrücke und mixt mit der isländischen Reggae-Band Hjálmar den supersoften Yacht Rock von Bands wie Fleetwood Mac mit der Lässigkeit von Bob Marley und der Zerbrechlichkeit von Simon & Garfunkel.

Wäre die Musik von Erlend Øye ein Gegenstand, würde sie wie eine Seifenblase durch die Luft schweben, die einige der 450 Fans Richtung Bühne pusten. Mit Hjálmar wollte Øye seinen melancholischen Sound zum Tanzen bringen. Wunderschöne Songs wie “Bad Guy Now” sind aber eher zum Mitwippen mit dem Fuß geeignet.

Øye, der lange in Berlin lebte und nun auf Sizilien zuhause ist, weiß aber natürlich, dass es ganz schön hart sein kann, wenn man zu soft ist. Also spielt er mit seinen fünf Musikern in der zweiten Hälfte einen düsteren Club-Mix des Whitest-Boy-Alive-Songs “1517”, die wunderbar überdrehte Italo-Nummer “La prima estate”, die Adriano Celentano nicht besser hätte singen können. Und Keyboarder Sigurdur Gudmundsson, den Øye angeblich als Organist in einer winzigen isländischen Dorfkirche entdeckt hat, lässt er ein wunderbares Liebeslied in dessen Landessprache singen. Nicht nur da applaudiert das Publikum begeistert.

Nach eineinhalb Stunden sieht es so aus, als sei das Konzert zu Ende. Das Licht ist längst an, doch als die Hälfte der Besucher das Zelt verlassen hat, kommt Øye noch mal mit der Akustikgitarre und einem neuen Hawaiihemd auf die Bühne und singt drei weitere Lieder. Bei “Sealed With A Kiss”, einer Ballade, mit der der Seifenoper-Schauspieler Jason Donovan bekannt wurde, klingt seine Stimme, die ohnehin nur ein Hauchen ist, noch sanfter. Das ist schon sehr aufregend.

Erlend Øye im Kulturzelt

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