Unblutig: Andrea Breth inszeniert Alban Bergs „Lulu“ an der Berliner Staatsoper

Männer als Marionetten

Trauriges Schrottplatz-Ambiente: Bühnenbild der „Lulu“-Inszenierung an der Berliner Staatsoper. Fotos:  Uhlig

Berlin. An der Berliner Staatsoper hat Andrea Breth schon Alban Bergs „Wozzeck“ erfolgreich in Szene gesetzt. Jetzt betraute Jürgen Flimm sie mit „Lulu“. Bergs zweites großes Werk für die Opernbühne zeichnet nach den Worten Frank Wedekinds „ein Prachtexemplar von Weib, wie es entsteht, wenn ein von der Natur reich begabtes Geschöpf (…) in einer Umgebung von Männern, denen es an Mutterwitz weit überlegen ist, zu schrankenloser Entfaltung gelangt.“

Die Ironie Wedekinds ist nicht zu überhören. Schließlich entfaltet sich Lulu von Heirat zu Heirat abwärts, wird zur Mörderin und geht der Prostitution nach, bis sie selbst ermordet wird. Die Kolportage-Story begleitet Berg Ende der 20er Jahre mit Zwölftontechnik nach dem Vorbild seines Lehrers Arnold Schönberg. Der polyphone, atonal-konstruktive Bau der Musik basiert dabei auf bekannten, frei behandelten Formen wie Canon, Duett, Sonate oder Choral.

Keine leichte Kost also, die Daniel Barenboim in der Berliner Staatsoper brillant über die Rampe bringt. Gespielt wird die durch David Robert Coleman neu bearbeitete dreiaktige (Cerha-)Fassung unter Auslassung des Parisbildes – ein filmisch anmutendes Stück moderner (Katzen-)Musik. Der letzte Akt verliert leider an Spannung. Bis zum symbolisch aufgeladenen Flammentod Lulus in London, die Jack the Ripper hier mit Benzin übergießt, dehnt sich die Zeit.

Das dürfte im Sinne von Regisseurin Andrea Breth sein, die ein abstrahiertes, somnambules Lemuren-Theater mit Reminiszenzen an die Stummfilmära inszeniert. Vollkommen unblutig, trotz Mord und Totschlag. Wie mechanisch agieren die Männer, Marionetten, die Lulus Anziehungskraft erliegen. Im silbernen Paillettenkleid verbindet diese Glanz und Lolitacharme. Verkörpert wird sie von der kindlich graziösen Hamburgerin Mojca Erdmann.

Die 36-Jährige ist für die lange, extrem hohe Partie eine Idealbesetzung. Sie sieht sehr gut aus, meistert bravourös all die hohen C’s und B’s und agiert plausibel. Eine tolle Leistung! Unnahbar, elegant, rätselhaft seelenlos, so präsentiert sie die Regisseurin, nicht als wildes Tier. Eine schuldlos Schuldige sozusagen, wenig kreatürlich (wie gefordert), wie eine künstliche Männer-Projektion.

Während der erste Akt fesselt, erstickt der Schluss im Kunstwollen. Gekonnt wird Innen- und Außenwelt, Abstraktion und Realität verschränkt. Das zweigeteilte Bühnenbild von Erich Wonder liefert ein trauriges Schrottplatz-Ambiente mit Autowracks, das für den abstrakten Salon nebenan als stete Bedrohung erscheint. Immer wieder klettern Gestalten aus diesem Abraum hervor.

Lulus Abstieg bedeutet nicht, dass sie sich nackig machen muss. Ein wenig wie Christus, nur in voller Glamourmontur, wird sie von ihrem Peiniger in einen Tür-Rahmen genagelt. Die Inszenierung gleicht einer (ironiefreien) Menschheitsdämmerung, schwer erträglich und doch ästhetisch wertvoll.

Wieder am 4., 9., 11., 14. April. Karten: Tel. 030/ 20354555, www.staatsoper-berlin.de

Von Andrea Hilgenstock

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