Ein Märchen trifft auf die Wirklichkeit

Erstmals seit Jahrzehnten: Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten" in Kassel

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Liebe in Zeiten des Krieges: (von links) Krzystof Borysiewicz (Einarmiger), Ulrike Schneider (Amme), Espen Fegran (Barak, der Färber), Stephanie Friede (Färbersfrau), Bassem Alkhouri (Buckliger) und Marian Pop (Einäugiger). Fotos: Klinger

Kassel. Regisseur Michael Schulz und Dirigent Patrik Ringborg machen die Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten" in Kassel zum Ereignis.

Mitten im Ersten Weltkrieg schrieben der Komponist Richard Strauss und der Dichter Hugo von Hofmannsthal die Oper „Die Frau ohne Schatten“, eine märchenhaft-verrätselte Feier der Ehe und der Bereitschaft, Kinder zu gebären. In was für eine Welt diese Kinder gesetzt werden, wird dagegen nicht thematisiert. Doch genau danach fragt Regisseur Michael Schulz (48) in seiner Inszenierung dieser gut vierstündigen Monumentaloper, die erstmals seit Jahrzehnten wieder in Kassel zu erleben ist. Und die, nicht zuletzt auch wegen ihrer großartigen musikalischen Umsetzung, im fast ausverkauften Opernhaus heftig gefeiert wurde.

In welch abstrakter Höhe dieser Märchenstoff angesiedelt ist, wird beim Auftritt der Titelfigur, der Kaiserin, deutlich. Bühnenbildner Dirk Becker zitiert hier den Sternenhimmel, den Karl Friedrich Schinkel vor 200 Jahren für Mozarts „Zauberflöte“ entwarf: Die Frau ohne Schatten lebt im Wolkenkuckucksheim. Um so brutaler ist die Ankunft in der Realität des Färberhauses, wo Soldatenuniformen statt schöner Stoffe aufbereitet werden und die Brüder des Färbers Barak als Kriegsversehrte hausen (Kostüme: Renée Listerdal). Stimmig bis ins Detail ist diese Verortung im Kriegsgeschehen, wenn etwa die Kaiserin im zweiten Aufzug, wo das Färberhaus zum Lazarett wird, ihr menschliches Mitgefühl bei der Pflege Verwundeter entdeckt.

Dabei fehlt es nicht an poetischen Momenten. Ein großes Cellosolo schwappt vom Orchestergraben buchstäblich in die Szene, als der von der Färberin imaginierte strahlende Jüngling das Cellospiel auf der Bühne simuliert. Und eine Verbindung von Märchen und realer Welt schafft die Figur des Falken (Lin Lin Fan), der hier in roter Pilotenuniform seine klagenden Laute ausstößt.

Angesichts der Verstiegenheit des dritten Aufzuges mit seinem anhaltenden C-Dur-Jubel, in den die ungeborenen Kinder in Erwartung baldiger Ankunft einstimmen, gibt die Regie am Ende jedoch klein bei: Wurden schon die Prüfungen, die das Färberpaar und die Kaiserin zu bestehen hatten, durch Schulbänke ironisiert, so feiern Färbers und Kaisers, die nun endgültig vereinten Paare, ihr neues Glück etwas hilflos an einer Tafel im Kreise des Kinderchores. Heile Welt will nicht gelingen.

Als Fest der Stimmen mit fünf tollen Protagonisten sorgte „Die Frau ohne Schatten“ in Kassel bei der Premiere für Begeisterung. Geradezu umwerfend, mit welchem Nuancenreichtum und mit welcher Ausdruckskraft Ulrike Schneider die Amme als mal schmeichelnde, mal ironische, mal auftrumpfende Menschenhasserin verkörperte. Weit über das Schematische einer bösen Märchenfigur hinaus steht sie für Arroganz und Weltekel einer Herrenmenschengesellschaft. Geradliniger, aber mit kaum glaublicher Wucht und Stimmkraft bis in strahlende Höhen zeichnete Gastsopranistin Vida Mikneviciute die Kaiserin als Suchende mit unbeirrbarer seelischer Stärke.

Keifen, Klagen, Triumphieren, für all dies und mehr hatte Gastsängerin Stephanie Friede als Färberin stimmlich reiche Mittel und immer wieder neue Nuancen parat.

Dem gutmütigen Ehemann Barak verlieh Espen Fegran melodiöse Kraft, deutete mit metallischem Bassbariton aber auch Gefährlichkeit an.

Strahlend helle Tenorkraft von herrscherlicher Pracht verlieh Ray M. Wade dem Kaiser - und hier auch obersten Soldatenführer.

Wenige Opern, auch von Richard Strauss selbst, leben wie diese von der Kraft des musikalischen Moments. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg vermochte es, die gewaltigen Eruptionen, die Klänge von betörender Süße und die beredte Konversationsmusik zu einem überwältigenden Musikstrom zu verbinden und den Riesenapparat aus großem Orchester, Sängern und Chören zu einer Spitzenleistung zu animieren. Beifall, Bravos, Standing Ovations waren der verdiente Lohn.

Wieder am 31.5. und 8.6., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Handlung:

Der Kaiser der südöstlichen Inseln hat die Tochter des Geisterkönigs Keikobad geheiratet. Nach fast einem Jahr wirft die Kaiserin noch immer keinen Schatten - sie ist nicht schwanger. Ihr droht binnen drei Tagen die Rückkehr ins Geisterreich und dem Kaiser die Versteinerung, Die Amme führt die Kaiserin zum Färber Barak und seiner frustrierten, kinderlosen Ehefrau. Mithilfe der zauberischen Amme soll die Kaiserin der Färberin ihren Schatten - ihre Fruchtbarkeit - abkaufen. Nach harten Prüfungen erkennt die Kaiserin die echte Menschenliebe, sie verzichtet auf den Schatten der Färberin - und wirft nun selbst einen. Auch die Färberin und Barak erkennen ihre Liebe. Beide Paare werden mit Kindern gesegnet sein. (w.f.)

Mitwirkende:

Kaiser: Ray M. Wade, Kaiserin: Vida Mikneviciute, Amme: Ulrike Schneider, Barak, der Färber: Espen Fegran, Färberin: Stephanie Friede, Geisterbote: Marc-Olivier Oetterli, Hüter des Tempels: Anna Nesyba, Stimme eines Jünglings: Johannes An, Erscheinung eines Jünglings: Ingo Schiller, Stimme des Falken: Lin Lin Fan, Stimme von oben: Maren Engelhardt, Einäugiger: Marian Pop, Einarmiger: Krzysztof Borysiewicz, Buckliger: Bassem Alkhouri, Dienerinnen: Anna Nesyba, Maren Engelhardt, Elisabeth Rogers, Stimmen der Wächter: Hansung Yoo, Tomasz Wija, Marc-Olivier Oetterli, Hee Saup Yoon, Kinder/Stimmen: Chor Cantamus. Opernchor, Damen des Extrachors, Staatsorchester Kassel.

Von Werner Fritsch

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