„Almanya“ und „Schlafkrankheit“ erzählen vom Leben zwischen den Kulturen

Opa und das Märchenland

Die Familie muss sich zusammenraufen: Aykut Kayacik und Ercan Karacayli in „Almanya“. Fotos: Berlinale

Wie der Großvater von Nesrin und Yasemin Samdereli in den 60er-Jahren dazu kam, seine anatolische Heimat auf Super-8-Filme aufzunehmen, wissen die Filmemacherinnen nicht. Für sie ist aber die Heimat ihrer Großeltern so kitschig-bunt wie auf seinen alten Bildern. Die Schwestern Samdereli haben ihre eigene Familiengeschichte in dem Spielfilm „Almanya - Willkommen in Deutschland“ verarbeitet, der am Wochenende auf der Berlinale das Publikum bewegte.

Darin kommt Familienvater Hüseyin Yilmaz 1964 als Gastarbeiter nach Deutschland, holt seine Familie nach und baut hier sein neues Leben auf. Eine Mehrgenerationen-Komödie zum Lachen und Weinen, die endlich den deutschen Sarrazins eine Menge Selbstironie und ganz unspektakuläre Integrationserfolge entgegenstellt.

Es ist hochkomisch, wie die Familie auf Druck der Kinder versucht, Weihnachten zu feiern, wie unhygienisch Mutter Fatma das deutsche Wasserklosett anfangs findet und wie sich die Söhne gruseln, dass man hier einen Holzmann am Kreuz verehrt, dessen Blut man trinkt.

Ernste Themen sind daneben die uneheliche Schwangerschaft einer Enkeltochter oder die Frage, ob der jüngste Enkel türkisch lernen soll. Die Samderelis machen ihren Spaß mit beiden Seiten, sie inszenieren ein Märchenanatolien wie aus Großvaters Filmen, zeigen Alltagsschwierigkeiten der ersten, zweiten und dritten Migrantengeneration, und sie machen klar, dass sich eine Familie zusammenraufen muss - egal wo.

Zwischen den Kulturen steht auch die Hauptfigur im deutschen Wettbewerbsbeitrag „Schlafkrankheit“ des Marburger Regisseurs Ulrich Köhler. Eddo ist deutscher Arzt in Kamerun, ein wichtiger Mann im Kampf gegen die titelgebende Tropenkrankheit. Sein Auftrag läuft ab, doch er will nicht wieder nach Deutschland. Seine deutsche Identität ist ihm abhandengekommen - und seine Frau und Tochter sind es auch.

Wie der erste Filmteil dieses Porträt entwickelt, ist bedrückend-intensiv, auch dank Hauptdarsteller Pierre Bokma. Es ist Köhlers Verdienst, die gar nicht kleine Gemeinschaft der internationalen Helfer in einem Dritte-Welt-Land in den Blick zu rücken. Ihre Zerrissenheit - aber auch ihre Eitelkeit.

Doch im zweiten Teil verliert der Film seinen Fokus. Ein internationaler Abgesandter aus Paris soll Eddos Arbeit prüfen, stellt aber fest, dass der Mann allen westlichen Arbeitsmaßstäben entglitten ist. Unstrukturiert werden Schauplätze abgeklappert, Eddo rückt aber auch für den Zuschauer so weit weg, dass man seine Entwicklung nicht mehr nachvollziehen kann.

Von Bettina Fraschke

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